Schätzungsweise 400.000 Menschen waren während des Nationalsozialismus zwangsweise unfruchtbar gemacht und weitere annähernd 300.000 unter dem euphemistischen Schlagwort „Euthanasie“ – „guter“, „süßer“ oder auch „schöner Tod“ – als „lebensunwert“ ermordet worden. Der „deutsche Volkskörper“ sollte vor rassischer „Verunreinigung“ und genetischer „Degeneration“ bewahrt werden. Auch in Konstanzer Behörden und Kliniken waren zahlreiche Akteure an diesen Verbrechen beteiligt.
Am 15. Juni 2026 wurden in Konstanz fünf Informations- und Gedenkstelen in Erinnerung an die Opfer von Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Morden feierlich eingeweiht.
Die Stelen stehen
– vor dem ehemaligen Gesundheitsamt auf der Marktstätte,
– vor dem Amtsgericht, dem früheren Erbgesundheitsgericht Konstanz,
– vor der ehemaligen Frauenklinik,
– vor dem Klinikum
– und auf dem Hauptfriedhof am Gemeinschaftsgrab für 183 Opfer von NS-Massenverbrechen.
Die Idee zur Errichtung dieser Gedenkstelen an Konstanzer Tat- und Täterorten entstand im Zuge der Verlegung der Stolperschwelle für Konstanzer Opfer von Zwangsterilisationen vor dem ehemaligen Konstanzer Erbgesundheitsgericht:
Bei der Lesung von Ensemblemitgliedern des Theaters Konstanz aus dem Buch „Es konnte alle treffen“ im Mai 2024 wurde von den teilweise tief bewegten Zuhörer*innen die Frage aufgeworfen, warum über diesen wichtigen lokalen Aspekt der NS-Geschichte in der Stadt so wenig bekannt ist.
Das veranlasste uns als Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz“, im Sommer 2024 einen Antrag auf Förderung aus dem Konstanzer Bürgerbudget zur Errichtung von fünf Stelen an jenen Orten in Konstanz aufzustellen, die für das Schicksal der Opfer entscheidend waren. Wir wollten aufzeigen, was hier vor Ort passiert ist – damit es nicht wieder passiert.
Den Bürger*innenrat konnten wir von unserem Vorhaben überzeugen und die Mitglieder schlugen das Projekt dem Gemeinderat zur Förderung vor. Auch der Konstanzer Gemeinderat befand unser Vorhaben im November 2024 für förderungswürdig, sodass wir mit der inhaltlichen Arbeit an den Stelen im Januar 2025 beginnen konnten.
Dafür haben wir über 4000 Akten in vielen verschiedenen Archiven analysiert: Im Staatsarchiv Freiburg sind u.a. die nur sehr lückenhaft überlieferten Bestände von Erbgesundheitsgerichten, Gesundheitsämtern, Patientenakten verschiedener Heil- und Pflegeanstalten und der Spruchkammer Südbaden aufzufinden; im Generallandesarchiv Karlsruhe statistische Zusammenstellungen des Erbgesundheitsobergerichts Karlsruhe für die Justizbehörden des Landes Baden, Verordnungen und Einzelfallakten zum Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Darüber hinaus boten das Bundesarchiv Berlin, das Archiv der Gedenkstätte Grafeneck, die Arolsen Archives und verschiedene Kreis- und Stadtarchive die Grundlagen für die Rekonstruktion historischer Fakten und Orte für die Erstellung der Stelentexte und ihrer Bebilderung.
Die Förderung aus dem Konstanzer Bürgerbudget wurde für die Fertigung der Cortenstahl-Stelen verwendet, wobei dankenswerterweise die Crescere-Stiftung Bodensee finanziell einsprang, da das Bürgerbudget nicht ganz alle Kosten decken konnte.
Literatur:
Bade, Sabine / Didra, Roland: Es konnte alle treffen – Gedenkbuch für die Konstanzer Opfer von NS-Zwangssterilisation und „Euthanasie“-Verbrechen 1934–1945, Konstanz 2024 mit einem Vorwort von Aleida Assmann