Erwin Meissner wurde am 7. März 1900 in Ettlingen bei Karlsruhe geboren. Seine Eltern waren Siegfried (1874-1958) und Anna Meissner (1875-1943). Sein Vater starb 1958 in Barcelona, seine Mutter 1943 in Perpignan. Sein Bruder Lothar wurde 1942 in Auschwitz ermordet.
Von Beruf war Erwin Meissner Radiotechniker. 1928 eröffnete er in Karlsruhe ein Geschäft in der Kaiserstraße 29; 1930 übernahm er zusätzlich die Generalvertretung für Badenia-Radiobatterien Am 19. Dezember 1938 musste er sein Geschäft auf Grund der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938 schließen. Nach der Machtübernahme der Nazis mussten allein in Karlsruhe zwischen 1933 und 1938 mehr als 500 jüdische Firmen ihre Tätigkeit einstellen.
Am 4. Juni 1932 heiratete Erwin Meissner Johanna, geb. Möser, eine Nicht-Jüdin; er lebte also in einer „Mischehe“. Das Paar hatte eine Tochter namens Edith Margarethe, die am 27. Juni 1933 in Karlsruhe geboren wurde. Im September 1938 erfolgte die Scheidung. Es scheint so, als ob sich Erwin Meissner scheiden ließ, um seiner nichtjüdischen Frau die Weiterführung seines Geschäfts zu ermöglichen. Aus Gründen, die wir nicht kennen, hat dann seine Frau trotz Scheidung das Geschäft ihres Mannes nicht übernommen.
Nach der Pogromnacht in Karlsruhe vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Erwin Meissners „Geschäft zertrümmert, Apparate gestohlen und die Fensterscheiben zerschlagen“, wie sich sein Vater Siegfried nach dem Krieg erinnerte. Wie Hunderte andere Karlsruher Juden wurde auch Erwin Meissnerin das KZ Dachau verschleppt; hier hatte er die Nummer 23019. Nach Protesten seiner nichtjüdischen Frau wurde er nach neun Tagen, am 20. November 1938, wieder entlassen. Wenige Tage später, am 23. November, beantragte Erwin Meissner beim französischen Konsulat in Karlsruhe für die Dauer von sechs Monaten ein Visum für Frankreich. Als Adresse in Frankreich gab er Leon Meyer, Paris, Hotel Celtic, an. Leon Meyer war ein Karlsruher Jude, der kurz nach 1933 emigriert war. Das Visum wurde nicht erteilt.
Anfang Januar 1939 übersiedelte Erwin Meissner zu seinen Eltern nach Konstanz, die bereits im Juli 1936 Karlsruhe verlassen hatten und jetzt in der Rosgartenstraße 14 im Zentrum der Stadt wohnten. Im Oktober 1939 zog er mit seinen Eltern in die Leinerstraße 3 im Stadtteil Paradies. Anfang März 1940 erfolgte dann der behördlich angeordnete Umzug in ein sogenanntes Judenhaus in der Saarlandstraße 22 (bis 1935 Bodanstraße). Dieses Haus gehörte dem jüdischen Viehhändler Hermann Seligmann. Judenhäuser waren im Nazi-Amtsdeutsch Häuser, die Juden gehörten und in denen nur Juden wohnen durften. Bei acht Juden bzw. Jüdinnen, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden, war auf der Deportationsliste als Wohnadresse Saarlandstraße 22 angegeben.
Nach der Pogromnacht vom November 1938 in Konstanz beantragte Erwin Meissner am 17. April 1939 beim zuständigen Landratsamt eine Unbedenklichkeitsbescheinigung zwecks Auswanderung in die USA. Diese Bescheinigung, die vom Finanzamt ausgestellt wurde, war Voraussetzung für die Ausstellung eines Reisepasses für Juden. Er erhielt diese Bescheinigung, hatte aber offensichtlich noch kein Land gefunden, dass ihn auch aufnehmen wollte.
Am 22. Oktober 1940 wurden Erwin und seine Eltern Anna und Siegfried Meissner vom Konstanzer Güterbahnhof Petershausen nach Gurs im Südwesten Frankreichs deportiert. Die Deportationsliste enthielt 112 Namen, 108 von Konstanzer Juden und 4 Namen von Gästen, die zufällig in Konstanz weilten. Aus Baden und der Saarpfalz wurden an diesem Tag 6500 Juden nach Gurs deportiert. Auch in Gurs bemühte sich Erwin Meissner über eine ausländische Hilfsorganisation um einen Reisepass. Seinen Antrag reichte die Gestapo an die Passstelle Karlsruhe mit der sarkastischen Bemerkung zurück, dass „notwendige Auswandererpapiere von den evakuierten Juden über die deutsche Vertretung in Paris anzufordern sind.“
Erwin Meissners Bruder Lothar, der seit 1931 für die Schweizer Firma „Intermundo“ aus St. Gallen tätig war und wahrscheinlich seit 1939 in Perpignan wohnte, gelang es schließlich, seine Familie gegen die hohe Summe von 36.000 französische Franc aus dem Lager freizukaufen. („Liberierung“). Am 6. März 1941 durften Erwin und seine Eltern das Lager verlassen. Die Familie war jetzt wieder vereint und wohnte bei Lothar Meissner in Perpignan.
Bei Razzien gegen deutsche und französische Juden Ende August 1942 in der „freien Zone“ (Vichy-Frankreich) wurden etwa 1600 Juden verhaftet. Auch in Perpignan fand eine solche Razzia statt, bei der die Familie Meissner verhaftet wurde. Anna und Siegfried Meissner wurden auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters schon nach wenigen Tagen wieder freigelassen, während Erwin und sein Bruder Lothar am 26. August 1942 in das Lager Rivesaltes, 9 km nördlich von Perpignan, überstellt wurden. Rivesaltes war das Hauptsammellager für die in der “freien Zone” verhafteten deutschen und französischen Juden. Von Rivesaltes wurden im Laufe des Jahres 1942 etwa 2300 Juden in das Sammellager Drancy bei Paris und von hier weiter in die Todeslager im Osten deportiert. Lothar Meissner wurde am 9. September 1942 nach Auschwitz gebracht und dort am 14. September ermordet.
Am 13. September 1942, wurde Erwin Meissner von Rivesaltes nach Drancy überstellt. Am 16. September 1942 wurden 1000 Juden mit dem Transport Nr. 33 vom Bahnhof Le Bourget-Drancy in Viehwaggons über Saarbrücken, Frankfurt a.M. und weiter über Dresden, Görlitz und Kattowitz nach Auschwitz gebracht. In diesem Transport befand sich auch Erwin Meissner. Wahrscheinlich wurde er sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. Sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt.
In der Schoah-Gedenkstätte in Paris, dem zentralen Gedenkort an den Holocaust in Frankreich, sind auf der „Mur des Noms“ (Mauer der Namen) die Namen von 76.000 ermordeten Juden und Jüdinnen aufgeführt. Hier befindet sich auch der Name von Erwin Meissner. Allerdings ist sein Name mit Erwin Meisiner falsch wiedergegeben.
Nachtrag: Im September 1953 heiratete Erwin Meissners Tochter Edith in Karlsruhe den US-Soldaten Wilbur F. Villenave (1928-1982) und lebte seitdem in Portsmouth, Virginia, USA. Das Paar hatte einen Sohn mit Namen David Edward. Nach dem Krieg beantragte seine Tochter beim Freiburger Amt für Wiedergutmachung eine Entschädigung für die erzwungene Geschäftsaufgabe, Haft und Wertsachen ihres Vaters, die in der Höhe von 7100 DM auch bewilligt wurde.