Anna Meissner, geb. Hess, wurde am 18. August 1875 in Stuttgart .geboren. Sie hatte wahrscheinlich keinen Berufe erlernt. Kurz vor der Jahrhundertwende heiratete sie den Textilkaufmann Siegfried Meissner aus Magdeburg. 1927 machte sich ihr Mann selbständig, indem er ein Damenmodegeschäft im Zentrum von Karlsruhe übernahm. Zu Pfingsten 1927 warb er in der Badischen Zeitung für seine neue Kollektion an “Damen -und Backfisch-Bekleidung“. Das Ehepaar Meissner hatte zwei Kinder: Erwin, geb. am 7. März 1900 in Ettlingen, und Lothar, geb. am 1. November 1910 in Karlsruhe. Die Familie Meissner wohnte in Karlsruhe in der Erbprinzenstraße 29.
Am 1. Juli 1936 übersiedelte das Ehepaar Meissner nach Konstanz und bezog in der Rosgartenstraße 14 eine geräumige 6-Zimmer-Wohnung mit Telefonanschluss. Das Ehepaar Meissner muss also wohlhabend gewesen sein. In selben Haus befand sich auch das Schuhgeschäft Adler, das den Erben von Adolf Adler, einem Kreuzlinger Juden, gehörte. Die Familie Adler betrieb in Freiburg im Breisgau und in mehreren Schweizer Städten Schuhhäuser. Joseph Picard, der jüdische Konstanzer Architekt, hatte das Schuhgeschäft 1930 im Stil der Neuen Sachlichkeit mit repräsentativen Verkaufsflächen und Leuchtreklame modernisiert.
Im Winter 1936/37 wohnte Lothar Meissner bei seinen Eltern, bevor er Ende Februar 1937 nach Perpignan weiterreiste, wo er schon seit 1931 bei der Schweizer Firma „Intermundo“ beschäftigt war. Am 31. Januar 1939 zog auch sein Bruder Erwin aus Karlsruhe bei seinen Eltern ein. Er war einer von jenen 400 bis 500 Karlsruher Juden, die nach der Pogromnacht 1938 mehrere Tage im KZ Dachau interniert wurden. Am 6. Oktober 1939 zog die dreiköpfige Familie Meissner in eine kleinere und weniger stadtnah gelegene Wohnung in der Leinerstraße 3 um. Dürfte dieser Umzug noch freiwillig erfolgt sein, so erfolgte der neuerliche Umzug am 6. März 1940 in die Saarlandstraße (vor 1933 Bodanstraße) 22 auf behördliche Anordnung. Dies Haus gehörte Hermann Seligmann, einem jüdischen Viehhändler. Es war ein sogenanntes Judenhaus, d.h. ein Haus, das einen jüdischen Besitzer hatte, und in dem nur Juden wohnen durften. Zum Beispiel wohnten hier von Oktober 1939 bis zu ihrer Emigration im März 1940 in die USA auch der Konstanzer Architekt Joseph Picard und seine Frau Hedwig. Bei acht Juden bzw. Jüdinnen, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden, war auf der Deportationsliste als Wohnadresse Saarlandstraße 22 angegeben.
Am 22. Oktober 1940 wurden Anna, Siegfried und Erwin Meissner vom Konstanzer Güterbahnhof Petershausen nach Gurs deportiert, zusammen mit 109 anderen Juden aus Konstanz. Im Januar 1941 fanden im Konstanzer Konzilsgebäude sieben Versteigerungen des Hausrats der 1940 deportierten Juden statt. Der Hausrat der Familie Meissner wurde nach vorheriger Ankündigung in der „Deutschen Bodensee Zeitung“ am 16. Januar 1941 versteigert und brachte einen Erlös von mehreren Tausend Reichsmark für die Staatskasse.
Siegfried, Anna und Erwin Meissner überstanden den schrecklichen Winter im Lager Gurs, der Hunderten Juden und Jüdinnen das Leben kostete.
Dank der Bemühungen von Lothar Meissner, der in Perpignan wohnte und erfolgreich mit den französischen Behörden über die Freilassung seiner Familie verhandelte, durfte diese das Lager bereits am 6. März 1941 wieder verlassen. Für die hohe Summe von 36.000 französische Franc hatte er ihre Freilassung („Liberierung“) erwirkt. Zum Vergleich: Während des Krieges betrug der Wechselkurs des Franc zur Reichsmark 1:20, d.h. die 36.000 Franc entsprachen etwa 1800 Reichsmark – was dem mittleren Jahreseinkommen eines Arztes in Deutschland um 1940 entsprach.
Ende August 1942 fanden auf Druck der deutschen Besatzungsmacht in der sogenannten „Freien Zone“ (Vichy-Frankreich) mehrere Razzien gegen deutsche und französische Juden statt. Etwa 1600 Juden wurden verhaftet. Auch in Perpignan fand eine solche Razzia statt, bei der die Familie Meissner aufgegriffen wurde. Anna und Siegfried Meissner wurden auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters nach wenigen Tagen wieder freigelassen, Erwin und Lothar jedoch am 26. August in das Lager Rivesaltes, 9 km nördlich von Perpignan, überstellt. Rivesaltes war das Hauptsammellager für die in der “freien Zone” verhafteten Juden. Von hier wurden in den folgenden Wochen etwa 2300 Juden in das Sammellager Drancy bei Paris gebracht und von dort weiter in die Todeslager im besetzten Polen. Lothar Meissner wurde am 9. September 1942 nach Auschwitz deportiert und dort am 14. September ermordet. Sein Bruder Erwin kam am 16. September 1942 mit dem Eisenbahntransport Nr. 33 von Drancy nach Auschwitz und wurde nach seiner Ankunft wahrscheinlich sofort ermordet; sein genauer Todestag ist nicht bekannt.
Anna Meissner erkrankte Mitte 1943 in Perpignan. Sie wurde in das städtische Krankenhaus eingeliefert und starb dort am 29. November 1943. Ihr Mann meinte nach dem Krieg, seine Frau sei „vor Kummer und Gram über den Tod ihre Söhne an Herzlähmung“ gestorben. Obwohl es in Perpignan einen jüdischen Friedhof gibt, wurde sie auf dem kommunalen Nordfriedhof (Haut-Vernet) beerdigt. Ihr Grabstein ziert ein Davidstern, das Symbol des Judentums.
Siegfried Meissner übersiedelte im Mai 1950 von Perpignan nach Barcelona, wo er am 6. Februar 1958 einsam und nahezu mittellos starb.