Lothar
MEISSNER

1910 - 1942 I
Leinerstraße 3
Stolperstein verlegt am 20.05.2026
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Lothar MEISSNER Leinerstraße 3

Trotz Arbeit bei Schweizer Firma in Frankreich verhaftet und in Auschwitz ermordet

Lothar Meissner wurde am 1. November 1910 in Ettlingen geboren. Seine Eltern waren Anna und Siegfried Meissner. Sein Vater hatte ein Geschäft für Damenmode in Karlsruhe. Lothar hatte einen Bruder mit Namen Erwin, der am 7. März 1900 in Karlsruhe geboren wurde. Seine Eltern und sein Bruder wurden am 22. Oktober 1940 von Konstanz nach Gurs deportiert. Seine Eltern überlebten den Holocaust, sein Bruder wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Über seinen beruflichen Werdegang ist wenig bekannt. 1931 Seit war Lothar Meissner für die Schweizer Firma „Intermundo“ mit Sitz in St. Gallen tätig. Die Firma handelte vornehmlich mit Kork und anderen Naturprodukten aus dem Mittelmeerraum.

Nach der Machtübernahme der Nazis flüchtete Lothar Meissner nach Paris. Belegt ist, dass er im August 1933 von der französischen Polizei überwacht wurde. Anfang Dezember 1933 meldete er sich in Paris beim Comité National de Secours aux Refugies Allemands Victimes Antisemitisme (Nationales Hilfskomitee für deutsche Flüchtlinge, Opfer des Antisemitismus). Aufgabe des 1933 von Baron Robert de Rothschild gegründeten Komites war die Arbeitsvermittlung und juristische Beratung deutscher jüdischer Flüchtlinge. Wahrscheinlich hielt sich Lothar Meissner bis September 1936 in Paris auf.

Da sich Lothar Meissner, obwohl er Jude war, von den Nazis nicht bedroht fühlte, verließ er Paris und verbrachte den Winter 1936/37 bei seinen Eltern in Konstanz. Möglicherweise führte er in St. Gallen, dem Sitz der Firma Intermundo, Gespräche über seine berufliche Zukunft. Auf Anweisung seines Schweizer Arbeitgebers verlegte er nun seinen Wohnsitz von Konstanz nach Terranova auf Sardinien, wo seine Firma eine Niederlassung unterhielt. Von Terranova aus (ab 1939 hieß der Ort Olbia) unternahm er Geschäftsreisen mit dem Schiff und dem Flugzeug nach Bastia auf Korsika und in die französische Kolonie Algerien (Tunis). Der dafür erforderliche Pass wurde ihm am 16. Februar 1938 anstandslos vom deutschen Konsulat in Genua ausgestellt. Bei seinen geschäftlichen Aktivitäten wurde er vom französischen Geheimdienst überwacht. So heißt es in einem Dossier des Präfekten von Korsika vom 19. Februar 1939: „Ich gehe jedoch davon aus, dass gegen den verdächtig erscheinenden Meissner eine Abschiebungsmaßnahme eingeleitet werden könnte.“ Zu einer Ausweisung aus Frankreich ist es aber nicht gekommen.

Anfang 1939 übersiedelte er im Auftrag seiner Firma von Terranova/Olbia nach Perpignan. Bis zu den Razzien im Vichy-Frankreich gegen Juden im Sommer 1942 konnte Lothar Meissner unbehelligt seinen Geschäften nachgehen und war wohl auch sehr erfolgreich, wie seine Einkommensverhältnisse zeigen.
In Perpignan gelang es Lothar Meissner, seine Familie gegen die hohe Summe von 36.000 französische Franc aus dem Lager Gurs freizukaufen. („Liberierung“). Diese Summe entsprach etwa 1800 Reichsmark, dem mittleren Jahreseinkommen eines Arztes in Deutschland um 1940. Am 6. März 1942 wurden sein Bruder Erwin und seine Eltern aus dem Lager Gurs entlassen und ließen sich in Perpignan nieder.

Bei Razzien gegen deutsche und französische Juden Ende August 1942 in der „freien Zone“ (Vichy-Frankreich) wurden etwa 1600 Juden verhaftet. Bei einer Razzia in Perpignan wurde die Familie Meissner verhaftet. Anna und Siegfried Meissner wurden auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters schon nach wenigen Tagen wieder freigelassen, während Lothar und sein Bruder Erwin am 26. August 1942 in das Lager Rivesaltes, etwa 10 km nördlich von Perpignan, überstellt wurden. Rivesaltes, ursprünglich ein Lager für unerwünschte Ausländer, war seit Anfang 1942 das Deportationszentrum für die in der “freien Zone” verhafteten deutschen und französischen Juden. Von Rivesaltes wurden im Laufe des Jahres 1942 etwa 2300 Juden in das Sammellager Drancy bei Paris und von hier weiter in die Todeslager im Osten deportiert.

Am 9. September 1942 wurde Lothar Meissner mit dem 30. Transport von Drancy nach Auschwitz gebracht; der Transport, der aus Viehwaggons bestand, umfasste 1017 Juden und Jüdinnen, darunter 100 Kinder unter 17 Jahren, die aus den Lagern Septfond, des Milles, Rivesaltes, Poitiers, Casseneuil und Saint-Sulpice in der „freien Zone“ kamen. Lediglich 22 Personen dieses Transports überlebten Auschwitz. Lothar Meissner war nicht darunter.

Nach offiziellen französischen Quellen wurde Lothar Meissner am 14. September 1942 in Auschwitz ermordet.

Recherche: Uwe Brügmann
Patenschaft: Bärbel Krambeer

Quellen & Literatur:

Staatsarchiv Freiburg F 196/1 Nr. 5641; F 196/1 Nr. 1561,1 und 2; P303/4 Nr. 264
Generallandesarchiv Karlsruhe 330 Nr. 853
Stadtarchiv Konstanz
Archives départementales des Pyrénées-Atlantique, Pau
Archives Pyrenees-Orientales, Perpignan, fiche personne 44583, 44584, 65879, 67704
Archives Nationales de France, Pierrefitte-sur-Seine
Archiv KZ-Gedenkstätte Dachau
ITS Arolsen
www.legifrance.gouv.fr
Serge Klarsfeld: Le Mémorial de la déportation des Juifs de France. Paris 1978
Wottge, Marco: „Arisierung“ in der Zeit des Nationalsozialismus in Karlsruhe. Karlsruhe: Info-Verlag 2020 (Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte. Schriften des Stadtarchivs Karlsruhe, Band 20)
Werner, Josef: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich. Karlsruhe: Badenia 1988, S. 350.

Familienmitglieder

Anna
MEISSNER

1875 - 1943 I
Leinerstraße 3
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Erwin
MEISSNER

1900 - 1942 I
Leinerstraße 3
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Siegfried
MEISSNER

1874 - 1958 I
Leinerstraße 3
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