Siegfried
MEISSNER

1874 - 1958 I
Leinerstraße 3
Stolperstein verlegt am 20.05.2026
Drucken
Siegfried MEISSNER Leinerstraße 3

Schwieriger Überlebenskampf nach der Ermordung seiner Söhne in Auschwitz und dem Tod seiner Frau an „gebrochenem Herzen“


Siegfried Meissner wurde am 25. Mai 1874 in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) geboren. Seine Eltern waren Isidor Meissner (1839-1908) und Rosalie, geb. Bendix (1847-1914).
Er heiratete wohl noch vor der Jahrhundertwende Anna, eine geborene Hess aus Stuttgart. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Erwin, geb. am 7. März 1900 in Ettlingen, und Lothar, geb. am 1. Oktober 1910 in Karlsruhe.

Siegfried Meissner war von Beruf Textilkaufmann. 1927 übernahm er in Karlsruhe die Zweigstelle des 1898 in Ettlingen gegründeten Damenmodegeschäft Freund & Co, dessen alleiniger Besitzer er nun war. In einer Anzeige in der „Badischen Presse“ aus dem Jahr 1927 empfahl er zu Pfingsten sein Geschäft für geschmackvolle Neuigkeiten in „Damen und Backfisch-Bekleidung“. (Unter dem Begriff Backfisch verstand man damals jugendliche, noch nicht heiratsfähige Frauen; heute würde man Teenager sagen). Ein halbes Jahr später musste Siegfried Meissner allerdings Konkurs anmelden. Danach war er im Radiogeschäft seines Sohnes Erwin beschäftigt.

Am 1. Juli 1936 übersiedelte Siegfried Meissner mit seiner Frau Anna nach Konstanz. Warum er Konstanz als neuen Wohnort wählte, ließ sich nicht ermitteln. Er wohnte in einer 6-Zimmer-Wohnung mit Telefonanschluss in der vornehmen Rosgartenstraße 14 im Zentrum der Stadt. Das Ehepaar Meissner muss also wohlhabend gewesen sein. Zeitzeugen erinnerten sich zudem, dass „die Eheleute Meissner im ganzen Haus als achtbare und vornehme Leute galten.“ In demselben Haus befand sich das Schuhgeschäft Adler, das einer jüdischen Kreuzlinger Familie gehörte, die in Freiburg im Breisgau und in mehreren Schweizer Städten weitere Schuhhäuser betrieb. Joseph Picard, der jüdische Konstanzer Architekt, hatte das Schuhgeschäft 1930 im Stil der Neuen Sachlichkeit mit Leuchtreklame und repräsentativen Verkaufsräumen modernisiert.

Im Winter 1936/37 wohnte der Sohn Lothar für ein halbes Jahr bei seinen Eltern, ehe er Ende Februar 1937 nach Perpignan weiterreiste, wo er seit 1931 bei einer Schweizer Firma beschäftigt war. Am 31. Januar 1939 zog dann der andere Sohn Erwin bei seinen Eltern ein. Er war einer von jenen 400 bis 500 Juden, die nach der Pogromnacht 1938 in Karlsruhe mehrere Tage (12.-20. November) im KZ Dachau interniert wurden. Am 6. Oktober 1939 zog die Familie Meissner in eine billigere und weniger stadtnah gelegene Wohnung in der Leinerstraße 3 um. Dürfte dieser Umzug noch freiwillig erfolgt sein, so erfolgte der neuerliche Umzug am 6. März 1940 in die Saarlandstraße (vor 1933 Bodanstraße) 22 auf behördliche Anordnung. Dieses Haus gehörte Hermann Seligmann, einem jüdischen Viehhändler. Es war ein sogenanntes Judenhaus, d.h. ein Haus, das einen jüdischen Besitzer hatte und in dem nur Juden wohnen durften. Zum Beispiel wohnten hier von Oktober 1939 bis zu ihrer Emigration im März 1940 in die USA auch der Konstanzer Architekt Joseph Picard mit seiner Frau Hedwig. Bei acht Juden bzw. Jüdinnen, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden, war als Wohnadresse Saarlandstraße 22 angegeben.

Am 22. Oktober 1940 wurden Anna, Siegfried und Erwin Meissner vom Konstanzer Güterbahnhof Petershausen nach Gurs deportiert, zusammen mit 109 anderen Juden aus Konstanz. Im Januar 1941 fanden im Konstanzer Konzilsgebäude mehrere Versteigerungen des Hausrats der deportierten Juden statt. Der Hausrat der Familie Meissner wurde nach vorheriger Ankündigung in der „Deutschen Bodensee Zeitung“ am 16. Januar 1941 versteigert und brachte einen Erlös von fast achttausend Reichsmark für die Staatskasse. Der tatsächliche Wert betrug nach Aussage von Hausbewohnern etwa 27.000 Mark.

Dank der Bemühungen ihres Sohnes Lothar, der seit 1931 in Perpignan für die Schweizer Firma „Intermundo“ tätig war, überlebte die Familie Meissner den schrecklichen Winter im Lager Gurs, der Hunderten von Häftlingen das Leben kostete. Bereits am 6. März 1941 durften Anna, Siegfried und Erwin Meissner das Lager wieder verlassen. Lothar hatte seine Eltern und seinen Bruder gegen die hohe Summe von 36.000 französische Franc aus dem Lager „freigekauft“ („Liberierung“). Zum Vergleich: Während des Krieges betrug der Wechselkurs des Franc zur Reichsmark 1:20, d.h. die 36.000 Franc entsprachen etwa 1800 Reichsmark – was dem mittleren Jahreseinkommen eines Arztes in Deutschland um 1940 entsprach.

Bei Razzien gegen deutsche und französische Juden Ende August 1942 in der „freien Zone“ (Vichy-Frankreich) wurden etwa 1600 Juden verhaftet. Auch in Perpignan fand eine solche Razzia statt, bei der die gesamte Familie Meissner verhaftet wurde. Anna und Siegfried Meissner wurden auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters schon nach wenigen Tagen wieder freigelassen, während ihre Söhne Erwin und Lothar am 26. August in das Lager Rivesaltes, 9 km nördlich von Perpignan, eingeliefert wurden. Rivesaltes war das Hauptsammellager für die aus Deutschland deportierten und in der “freien Zone” lebenden französischen Juden. Von dort wurden etwa 2300 Juden in das Sammellager Drancy bei Paris gebracht und von dort weiter nach Auschwitz. Auch Erwin und Lothar ereilte das gleiche Schicksal. Lothar wurde von Drancy am 9. September 1942 nach Auschwitz gebracht und dort am 14. September ermordet. Sein Bruder Erwin kam am 16. September 1942 mit dem Eisenbahntransport Nr. 33 von Drancy nach Auschwitz und wurde nach seiner Ankunft wahrscheinlich sofort ermordet; sein genauer Todestag ist nicht bekannt.

Mitte 1943 erkrankte Anna Meissner schwer, mittlerweile 68 Jahre alt, und sie wurde in das Krankenhaus von Perpignan eingeliefert. Dort starb sie am 29. November 1943. Sie wurde auf dem Friedhof „Haut Vernet“ beerdigt; ihr Grabstein ziert ein Davidstern. Ihr Mann Siegfried meinte nach dem Krieg, seine Frau sei „vor Kummer und Gram über den Tod ihre Söhne an Herzlähmung“ gestorben.

Im Mai 1950 übersiedelte Siegfried Meissner von Perpignan nach Barcelona. Wovon er dort lebte, ist unklar. Belegt ist, dass er immer wieder „Bittbriefe“ an das Landesamt für Wiedergutmachung in Freiburg schickte, ihm eine kleine Rente und eine Wiedergutmachung für seine Inhaftierung in Gurs zu gewähren. Anfang März 1953 wurde ihm schließlich eine Rente von 170 DM gewährt.

Siegfried Meissner starb am 6. Februar 1958 in Barcelona.

Recherche: Uwe Brügmann
Patenschaft: Junges Theater Konstanz, Produktionsteam „Wie jede andere hier“

Quellen & Literatur:

Staatsarchiv Freiburg, Akten Siegfried Meissner F 196/1, Nr. 1561, 1 und 2 ;F 166/3, Nr. 5147; F 166/3, Nr. 4451; Akte Erwin Meissner P 303/4, Nr. 264 und F 196/1, Nr. 5641; Akte Lothar Meissner F 196/1, Nr.9923.
Archives Départementales Pyrérnées-Orientales, Perpignan, Fiche personne 44583- 44585, 65879, 67704
Perpignan: L'histoire des Juifs dans la ville (XII – XX Siecles) : Perpignan: Agence Canibals, 2003

Familienmitglieder

Anna
MEISSNER

1875 - 1943 I
Leinerstraße 3
Drucken

Erwin
MEISSNER

1900 - 1942 I
Leinerstraße 3
Drucken

Lothar
MEISSNER

1910 - 1942 I
Leinerstraße 3
Drucken