Fotografische Dokumentation der Deportation badischer Jüdinnen und Juden nach Gurs am 22. und 23. Oktober 1940
Der Förderverein Mahnmal e. V. widmet sich den bislang bekannten Fotos der Deportation badischer Jüdinnen und Juden am 22. und 23. Oktober 1940, einem wenig beachteten Aspekt der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in der Zeit der NS-Herrschaft.
Am 22. Oktober 1940, dem letzten Tag des jüdischen Laubhüttenfestes (Sukkot), wurden unter der Leitung von Gestapo und Ordnungspolizei mehr als 6 500 Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland ohne Vorwarnung aus ihren Wohnungen geholt. Die sogenannte „Wagner-Bürckel-Aktion“, benannt nach ihren vermutlichen Initiatoren, den Gauleitern Robert Wagner (Baden) und Josef Bürckel (Saarpfalz), erfasste fast nahezu alle Menschen jüdischer Abstammung, die lange, bevor die Deportationszüge aus anderen Teilen des Deutschen Reiches in die Vernichtungslager im Osten aus ihrer Heimat herausgerissen wurden.
Um 6 Uhr am Morgen des 22. Oktobers 1940 beauftragte Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, die Gestapoleitstellen in Karlsruhe, Neustadt und Saarbrücken mit der Abschiebung. Für den Transport der Deportierten wurden insgesamt neun Sonderzüge eingesetzt. Die sieben badischen Züge querten bei Breisach den Rhein und passierten bei Chalon-sur-Saône die Demarkationslinie – die Grenze zwischen dem von Deutschland besetzten Norden und dem sogenannten „freien“ Süden Frankreichs. Die von der Aktion überrumpelte französische Vichy-Regierung veranlasste schließlich die Weiterfahrt der Züge nach der Stadt Oloron-Sainte-Marie am Fuße der Pyrenäen. Von dort aus erfolgte der Weitertransport per Lastwagen in das etwa 15 Kilometer entfernte Internierungslager Gurs.
In sieben der insgesamt 138 badischen Deportationsorten wurde das Geschehen fotografiert, so auch im Kippenheim, wo fünf bislang unbekannte Aufnahmen aus dem Nachlass eines Fotografen aus dem Schwarzwald 1993 auftauchten, die den Abtransport von 31 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohnern aus Kippenheim festhalten. Als man dem in den USA lebenden Kurt Salomon Maier diese Aufnahmen zuschickte, war dieser zutiefst erschüttert: „Als ich die Bilder sah, konnte ich es nicht glauben. Auf einem der Fotos waren meine Großeltern, mein Vater – und ich zu sehen, der kleine Junge mit Lodenmantel und Mütze. […] Ich hatte immer geglaubt, wir seien nachts geholt worden, bis ich diese Aufnahmen fast fünfzig Jahre später sah. Sie zeigen, dass es noch Tag war, als wir unser Haus zum letzten Mal verließen. Ich erinnere mich, dass unser Lastwagen am Kippenheimer Rathaus hielt, bevor wir zum Offenburger Bahnhof weiterfuhren.“
Die Ausstellung des Fördervereins Mahnmal e. V. versammelt erstmals alle bekannten Fotografien der Deportationen aus Bretten, Bruchsal, Gailingen, Kippenheim, Lörrach, Tauberbischofsheim und Weingarten. Die insgesamt 45 Aufnahmen widerlegen klar die Aussage Reinhard Heydrichs, die Abholung der Jüdinnen und Juden sei „von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“ worden.
Der dokumentarische Wert dieser visuellen Schlüsselquellen der Oktoberdeportation darf nicht zu gering veranschlagt werden, zumal nur wenige sonstige Quellen existieren, mit deren Hilfe sich die Ereignisse in Baden am 22. und am 23. Oktober 1940 rekonstruieren lassen.
Weitere Infos: www.mahnmal-neckarzimmern.de