Laura
ROTHSCHILD

1877 - 1962 I
Joseph-Picard-Straße 8 (bis 2025: Conrad-Gröber-Straße 8)
Stolperstein verlegt am 20.05.2026
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Laura ROTHSCHILD Joseph-Picard-Straße 8 (bis 2025: Conrad-Gröber-Straße 8)

Lebensweg einer Jüdin von Straßburg über München, Konstanz und die Schweiz in die USA

Laura Rothschild wurde am 30. Mai 1877 als Laura Picard in Konstanz geboren. Ihre Eltern waren Julius und Babette, geb. Rothschild. Sie hatte zwei Brüder: Ludwig (1878-1923), verheiratet mit Melanie, geb. Guggenheim (1885-1957), und Joseph (1879 – 1946), verheiratet mit Hedwig (1892 – 1979), eine Schwester seiner Schwägerin Melanie. Joseph Picard war Architekt, der das Konstanzer Stadtbild wesentlich mitgestaltete; im März 1940 emigrierte Joseph Picard mit seiner Familie in die USA.

Laura Picard heiratete am 11. Juni 1900 Wilhelm Rothschild in Konstanz. Ihr Mann wurde am 18. November 1872 in Worblingen geboren. Er studierte in Tübingen, Freiburg und an der Kaiser-Wilhelms-Universität in Straßburg Pharmazie, wo er auch das Examen machte. Am 4. Juni 1902 wurde ihr Sohn Ernst Julius in Straßburg geboren. Seit 1906 war Wilhelm Rothschild Inhaber der Adler-Apotheke in Straßburg in der Möllerstraße 8, Nähe Kaiserplatz im Zentrum der Stadt. Neben dem Vertrieb von Arzneimitteln war die Apotheke auf die Herstellung chemisch-pharmazeutischer Präparate sowie chemischer Produkte für medizinische und hygienische Zwecke spezialisiert.

Wilhelm Rothschild starb knapp vierzigjährig am 27. Juli 1912 in Straßburg. Nach dem Tod ihres Mannes lebte Laura Rothschild noch einige Jahre in Straßburg, bis sie im Januar 1916 nach München übersiedelte. Als Heimatvertriebene aus Elsass-Lothringen erhielt sie nach dem Krieg eine Entschädigung vom Staat, die aber offensichtlich nicht für ihren Lebensunterhalt reichte. Sie arbeitete in einem Pensionat für schulentlassene Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren, wo sie Kochkurse gab. Das Mädchenpensionat befand sich in „vornehmer Lage“ im Stadtteil Nymphenburg.

Das pädagogische Ziel des Mädchenpensionats war „die Fortbildung in Wissenschaften, Sprachen, Künsten und praktischen Fächern“. Anfang der 1920er Jahre gründete Laura Rothschild ihr eigenes „Israelitisches Töchterheim“. In einem Empfehlungsschreiben an die Vorstände der jüdischen Kultusgemeinden in Deutschland und Österreich hieß es: „Die Kriegszeit und deren auf lange Sicht nachwirkenden Folgen verlangen von dem deutschen Mädchen und der deutschen Frau nicht nur häusliche Betätigung im Familienleben, sondern auch auf wirtschaftlichen Erwerb gerichtete Tätigkeit. Keine Stadt in Deutschland und Österreich dürfte alle jene Vorbedingungen für die geistige, seelische und auf Erwerb gerichtete Durchbildung in so umfassender Weise aufweisen, wie gerade die Stadt München, in welcher ich die erste Gründung eines solchen Töchterheims getätigt habe. Mein in vornehmster Lage Münchens gelegenes Töchterheim bietet jungen israelitischen Mädchen Unterkunft, mögen sie sich auf ihren späteren Beruf als Gattin und Hausfrau vorbereiten oder mögen sie sich als Malerinnen, Musikschülerinnen oder Künstlerinnen betätigen.“

Ihr Brief an die jüdischen Gemeinden scheint erfolgreich gewesen zu sein, denn ihr Töchterheim zählte in der Folgezeit bis zu 30 junge Frauen als zahlende Pensionsgäste. Die meisten von ihnen kamen sicherlich aus München, denn die Stadt zählte in den 1920er Jahren etwa 12 000 jüdische Menschen. Ende der 1920er Jahre musste sie das Töchterheim schließen. Von Januar 1930 bis Oktober 1932 arbeitete sie in gehobener Position in einem Münchner Hotel und im ersten Halbjahr 1933 als Geschäftsführerin einer Großbäckerei. Wahrscheinlich verlor sie dort ihre Stelle, weil sie Jüdin war.

Von Januar 1926 bis Oktober 1930 wohnte ihr Sohn Ernst Julius bei ihr in München. 1937 emigrierte er in die USA.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 gab es in München massive Repressionen gegen jüdische Menschen. Viele von ihnen verließen daraufhin die Stadt, so dass die jüdische Gemeinde 1936 nur noch knapp 9000 Mitglieder zählte. Anfang Oktober 1936 übersiedelte Laura Rothschild nach Konstanz. Sie wohnte zunächst bei ihrem Bruder Joseph Picard, einem bekannten Architekten, in der Wilhelmstraße 8. Als dieser Anfang Oktober 1939 seine Wohnung aufgeben musste, musste sich auch Laura Rothschild eine neue Bleibe suchen. Sie wohnte nun in der Emmishofer Straße 14 und später bis zu ihrer Emigration 1941 in die Schweiz in der Brauneggerstraße 16.

Mit Hilfe ihres Sohnes Ernst Julius Rothschild, der 1937 von München aus in die USA emigriert war, betrieb Laura Rotschild nun ihre eigene Emigration. Sie verpackte ihren Hausrat in einem sogenannten Liftvan, eine Art Container. Liftvans, im Volksmund auch Judenkisten genannt, waren hölzerne Transportkisten für den Schiffsverkehr nach Übersee. Im „Handbuch für die jüdische Auswanderung“ aus dem Jahre 1938 werden die genauen Maße aufgeführt: 2,28 Meter Höhe mal 2,20 Meter Breite bei einer Länge von 2 Metern. Das Packen geschah unter Aufsicht eines Gerichtsvollziehers. Der Liftvan von Laura Rothschild wurde von der Konstanzer Firma Transit Transport nach Antwerpen transportiert. Von dort sollte der Liftvan in die USA weiterbefördert werden. In Antwerpen wurde der Liftvan jedoch von den deutschen Behörden beschlagnahmt. Gleiches geschah übrigens mit den Liftvans vieler anderer Auswanderungswilliger.

Am 5. April 1941 konnte Laura Rothschild legal in die Schweiz ausreisen. Zuvor musste sie aber noch ihren Schmuck abliefern und eine Sondersteuer von 200 Reichsmark bezahlen. In Stansstad, einer kleinen Gemeinde am Vierwaldstätter See im Schweizer Kanton Nidwalden, wohnte sie dann fast ein Jahr. Am 25. März 1941 erhielt sie das Visum vom amerikanischen Konsulat in Zürich. Ihr Sohn Ernst Julius übernahm für sie die Bürgschaft (Affidavit). Von Genf aus fuhr sie mit dem Zug über Frankreich und Spanien nach Lissabon. Anfang Juli kam sie in Lissabon an. Am 18. Juli 1941 schiffte sie sich auf der SS „Excalibur“ ein und am 28. Juli 1941 erreichte sie New York. Von New York fuhr sie weiter nach San Francisco, wo sie am 15. August bei ihrem Sohn Ernst Julius in San Francisco eintraf.

In San Francisco führte sie ihrem Sohn den Haushalt, da sie wegen ihres Alters keine Arbeit fand. Ihr Sohn Ernst Julius Rothschild starb am 24. Juni 1961.

Von San Francisco aus führte sie nun einen zähen Kampf um Entschädigung mit dem Amt für Wiedergutmachung in Freiburg. Nach jahrelangen Bemühungen ihrer amerikanischen Anwälte wurde ihr schließlich eine Rente und eine einmalige Entschädigung zugesprochen.

Laura Rothschild überlebte ihren Sohn um ein Jahr und starb am 26. Juli 1962 in San Francisco. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof „Home of Peace“ beerdigt.

Recherche: Uwe Brügmann
Patenschaft: Helmut und Christel Schwarz

Quellen & Literatur:

Staatsarchiv Freiburg, F 196/1 Nr. 8517
Staatsarchiv Freiburg, P 303/4 Nr. 2602
Staatsarchiv Freiburg, F 166/3 Nr. 2741
Staatsarchiv Freiburg, F 166/3 Nr. 5163
Stadtarchiv München, DE-1992-PMB-R240; DE-1992-EWK65-R796
Stadtarchiv Straßburg, 602 MW 627; 3 E 391, Todesfälle Nr. 1273 bis 1906
ITS Arolsen
Stadtarchiv Konstanz
Stadtarchiv München

Familienmitglieder

Joseph
PICARD

1879 - 1946 I
Conrad-Gröber-Straße 8
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Hedwig Henriette
PICARD, geb. GUGGENHEIM

1892 - 1979 I
Conrad-Gröber-Straße 8
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Melanie
PICARD, geb. GUGGENHEIM

1885 - 1957 I
Schützenstraße 16
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Peter Julius
PICARD

1919 - 2013 I
Conrad-Gröber-Straße 8
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Hans
PICARD

1910 - 1942 I
Schützenstraße 16
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