Peter Julius
PICARD

1919 - 2013 I
Conrad-Gröber-Straße 8
Stolperstein verlegt am 27.06.2014
Peter Julius PICARD Conrad-Gröber-Straße 8

Durch Beziehungen und unter großen Schwierigkeiten hatte sein Vater ihm eine Ausreisegenehmigung in die USA besorgt

Peter Picard wurde am 7. Januar 1919 in Konstanz geboren. Nach der Volksschule besuchte er die Oberrealschule (heute Humboldt-Gymnasium) in Konstanz. Einer seiner Mitschüler war Werner Maihofer (FDP), Innenminister der Bundes­republik in den Jahren 1974 bis 1978, mit dem er zeitlebens in Freundschaft verbunden war.

Peter Picard war begeisterter Segler. Als 1934 Juden das Segeln verboten wurde, schlich er sich abends heimlich auf das Boot seines Freundes Franz Hitzel, später Architekt und Erbauer der Kirche Maria Hilf in Konstanz-Allmannsdorf, und genoss die Freiheit auf dem Bodensee.

Im Januar 1936 wechselte er an die „Jüdische Sportschule“ in Stuttgart, die es seit dem 1. November 1935 gab. An der Schule wurden jüdische Turn- und Sportlehrer ausgebildet. Die Sportschule genoss einen ausgezeichneten Ruf beim Kultusministerium wie auch in Fachkreisen. Die meisten Schüler bestanden ihre Prüfungen mit Auszeichnung. An der Schule wurden nicht nur die sportlichen Fächer einschließlich Schwimmen unterrichtet, sondern auch Englisch und Hebräisch gelehrt. Ganz offensichtlich sollte der Unterricht an der Sportschule auf ein künftiges Leben in Palästina vorbereiten.

Trotz zunehmender antisemitischer Hetze konnte Peter Picard im Sommer 1936 noch an der traditionellen Seequerung Konstanz – Meersburg teilnehmen. Nur sehr gute Schwimmer schafften die ca. 5 km lange Strecke.

1937 kehrte er nach Konstanz zu seinen Eltern zurück, verließ aber Konstanz als damals noch Minderjähriger schon wieder am 30. März 1938 Richtung Florenz. Sein Vater hatte ihm eine Stelle als Hilfs-Sportlehrer beschafft. Möglicherweise ging er nach Italien, weil es dort keinen so ausgeprägten Anti­semitismus gab.

Nächste Station seiner Odyssee war Stockholm in Schweden, wo er von einer Stiftung betreut wurde, die sich um geflüchtete Kinder und Jugendliche aus Nazi-Deutschland kümmerte. Wie lange Picard in Schweden war, ließ sich nicht ermitteln.

Anfang Januar 1940 wurde ihm die deutsche Staats­bürgerschaft aberkannt. Durch Beziehungen und unter großen Schwierigkeiten hatte sein Vater ihm und einer Cousine eine Ausreisegenehmigung in die USA besorgt. Zu welchem Zeitpunkt seine Emigration in die USA erfolgte, ließ sich nicht ermitteln, wahrscheinlich aber Ende 1939 oder Anfang 1940. Auf jeden Fall erfolgte seine Flucht auf dem Landweg über Russland und zeitlich vor der Emigration seiner Eltern. Denn als er in San Francisco ankam, dem Ziel seiner erzwungenen Reise, waren seine Eltern noch nicht angekommen.
 
1940/41 studierte er an der University of California Sport­wissenschaften. Nach dem Studium war er Sportlehrer.
 
Am 14. Oktober 1944 wurde er amerikanischer Staats­bürger.
 
Ende der 40er Jahre studierte er Zahnmedizin und hatte später eine eigene Praxis in Lafayette und danach in Walnut Creek im Norden Kaliforniens. Als Professor für Zahnmedizin an der University of the Pacific entwickelte er eine neue Methode zur Kieferregulierung. Auch in sportlicher Hinsicht war Peter Picard erfolgreich. Er war mehrmals amerikanischer Meister im Alpin-Ski und lange Jahre Präsident des US-Skilehrerverbandes.
 
Nach 1945 verzichtete Peter Picard auf die Rückgabe des elterlichen Besitzes in Konstanz. Allerdings klagte er vor dem Landgericht Freiburg wegen Verdienstausfall seines Vaters in der NS-Zeit. Das Gericht ging von einer 60% Erwerbsminderung in den Jahren 1933 bis 1940 aus und sprach ihm bzw. seinem verstorbenem Vater eine ent­sprechende Entschädigung zu. Seine Mutter Henriette erhielt eine Rente zugesprochen.
 
Peter Picard hatte einen Sohn, Robin Peter Picard, geb. 1949, der ebenfalls Arzt (Radiologe) wurde und heute in Kalifornien lebt.
 
Im Koreakrieg (1953-1956) flog Peter Picard als Captain der US-Air Force Einsätze gegen die Chinesen und Nordkoreaner.
 
Peter Picard hielt zeitlebens eine enge Verbindung mit Konstanz. Aus Schulzeiten kannte er noch den späteren Innenminister Werner Maihöfer. Fast jedes Jahr besuchte er in Konstanz alte Freunde aus den 20er und 30er Jahren.
 
1995 stiftete er den Franz-Hitzel-Preis, der jedes Jahr an die erfolgreichste Seglerin des SSCK (Schüler Segel-Club Konstanz) vergeben wird. Als passionierter Segler war er seit 2002 auch Mitglied im Konstanzer Yachtclub. Er starb hochbetagt am 11. August 2013 in Walnut Creek, Kalifornien.
 
Offensichtlich fühlte Peter J. Picard sich so sehr als amerikanischer Patriot, dass er auf eigenem Wunsch auf dem Nationalfriedhof im Sacramento Valley in Kalifornien begraben wurde. Nationalfriedhöfe sind Soldatenfriedhöfe, auf denen ausschließlich US-Militärpersonal und Veteranen mit ihren Angehörigen begraben sind.
 
Im Nachruf des Konstanzer Yachtclubs zu seinem Tod heißt es: “Peter war eine breit begabte Persönlichkeit mit viel Humor, Selbstironie, Witz und Herzensgüte und vermochte so, andere Menschen zu ermu­tigen, zu motivieren. Dieser Mensch mit seiner bewun­dernswerten Begabung zur Freund­schaft ist nun gegangen – eine Bereicherung durch ihn bleibt aber bei allen, die das Glück hatten, ihn zu erleben.

Recherche: Uwe Brügmann
Patenschaft: Regina Kraus-Hitzel

Quellen & Literatur:

Aus der Tätigkeit der Architekten Ganter und Picard B. D. A. Konstanz. Barmen 1940.
Erich Bloch, Geschichte der Juden von Konstanz im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Dokumentation. Konstanz, Rosgarten Verlag, 1971, S. 217 – 219.
Staatsarchiv Freiburg, Entschädigungsakte Josef Picard, F 196/1 Nr. 5822.
Informationen von Frau Regina Kraus-Hitzel aus Ravensburg (April 2014).
Richard Lesser, Unsere jüdischen Schulkameraden, in: Unser Schulhaus wird hundert, Humboldt Chronik '03, hrsg. vom Alexander-von Humboldt-Gymnasium, Konstanz 2003, S. 96-100.
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