Rosa Moerschner, geb. Oplat, wurde am 23. Mai 1886 in Wien geboren. Sie stammte aus einer jüdischen Familie in Wien. Ihre Eltern waren Samuel (Simon) Oplat und Ernestine, geb. Schweinburg. Ihr Vater war Schauspieler. Die Familie scheint nicht sehr wohlhabend gewesen zu sein, da sie im 2. Wiener Gemeindebezirk zu Hause war, wo viele arme Juden, besonders aus Galizien, wohnten. Ihre Eltern heiraten 1886 in Wien, die Ehe wurde aber 1903 wieder geschieden. Im Volksmund hieß dieser Bezirk, zwischen Donau und Donaukanal gelegen, auch „Mazzes-Insel“ (Matze ist ungesäuertes Brot, das gläubige Juden am Vorabend vom Pessach-Fest essen).
Ihr schauspielerisches Talent hatte Rosa Moerschner von ihrem Vater geerbt. Ihre Ausbildung machte sie wahrscheinlich am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, wo es seit 1874 eine eigene Schauspielschule gab. Am 11. Mai 1912 heiratete sie in Gettorf bei Rendsburg den Schauspieler Fritz Moerschner. Einer ihrer Trauzeugen war der Dichter und Schauspieler Hans Mahnke (1884-1941), später ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus. Ihr Mann trat unter dem Künstlernamen Georg Werbing auf. Er hatte vor dem Ersten Weltkrieg Engagements an Theatern in Berlin, Hildesheim, Stendal und Sagan (Schlesien). Ihr Mann verstarb Anfang Dezember 1914 in einem Lazarett an der russischen Front.
Das Ehepaar Moerschner hatte eine Tochter mit Namen Berta. Sie wurde am 31. Mai 1913 in Walsrode geboren. 1920 wurde se evangelisch getauft. Wie ihre Eltern wurde sie Schauspielerin; zudem machte sie eine Ausbildung zur Sängerin (Operettensoubrette). Bis 1935 hatte war sie als Schauspielerin am Stadttheater Schweidnitz in Schlesien engagiert. Nach ihrer Einstufung des Reichssippenamtes als „jüdischer Mischling“ durfte sie nicht mehr als Schauspielerin arbeiten. 1939 wohnte sie kurze Zeit bei ihrer Mutter in Konstanz. Von 1940-1945 lebte sie in Leipzig und musste ihren Lebensunterhalt als Haushaltsgehilfin, Angestellte und Fabrikarbeiterin (Packerin) bestreiten. Berta war mit einem Nichtjuden, Fritz Haller, liiert, der Ende des Krieges als Soldat fiel. Sie durfte ihn aber nicht heiraten, weil die Nürnberger Rassengesetze von 1935 ihr dies verboten. Mit ihm hatte sie einen Sohn mit Namen Wolfgang, geb. am 29.03.1939 in Braunschweig.
Auch nach dem Krieg wohnte Berta Moerschner in Leipzig. Als Schauspielerin nannte sie sich jetzt Bertl Moerschner-Haller. Unter anderem spielte sie 1971 und 1975 in „Polizeiruf 110“, 1978 in „Schneeweißchen und Rosenrot“ und 1979 in „Du und icke in Berlin“. Sie war Mitglied der SED und mehrerer gesellschaftlicher Organisationen wie der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und des Demokratischen Frauenbund. Da sie nicht nachweisen konnte, wann und wo ihre Mutter von den Nazis ermordet worden war, wurde sie von den Behörden nicht als Opfer des Faschismus anerkannt; sie erhielt damit auch keine materiellen Zuwendungen vom Staat. Sie starb am 19. November 2009 in Leipzig. Als Schauspielerin war sie wohl nicht ganz unbedeutend, denn in Wikipedia wird sie unter den bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt Walsrode, ihrem Geburtsort, aufgeführt. Ihr Sohn Wolfgang Haller wirkte als Tonmeister und Bühneninspektor bei der Leipziger Oper; er starb 2022 in Leipzig.
Bertas Mutter Rosa Moerschner kam Anfang August 1935, wie auf ihrer Meldekarte vermerkt, von Frankfurt nach Konstanz. Nicht bekannt ist, warum sie nach Konstanz übersiedelte. Denkbar ist, dass sie bei einer Frankfurter Bühne als Schauspielerin engagiert war und nach 1933 als Jüdin entlassen wurde. Möglicherweise hoffte sie, von Konstanz in die nahe Schweiz zu emigrieren. In Konstanz wohnte sie in Untermiete bei einer Frau Baur in einer städtischen Wohnung in der Mangoldstraße 21, ein Indiz dafür, dass sie mittellos war.
Am 20. Oktober 1940 wurde sie zusammen mit 112 Juden aus Konstanz in das Lager Gurs (Südwestfrankreich) deportiert. Von Gurs wurde sie am 3. Juli 1942 in das Lager Rivesaltes verlegt. Rivesaltes liegt etwa 50 km nördlich der spanischen Grenze auf einem kargen Plateau, das starken Winden ausgesetzt ist. Das raue Klima, die schrecklichen sanitären Bedingungen und die ständige Unterernährung der Gefangenen forderten viele Menschenleben. Eine große Hilfe waren für sie die Sach- und Geldspenden der Jüdischen Gemeinde Kreuzlingen.
Von Rivesaltes wurde Rosa Moerschner am 11. August 1942 zusammen mit 400 Juden und Jüdinnen nach Drancy verlegt, einem Durchgangslager bei Paris und Ausgangsbahnhof für die Transporte in die Todeslager im Osten.
In der Deportationsliste wurde ihr Name fälschlicherweise Moerschener geschrieben. Am 14. August 1942 wurde sie mit dem 19. Transport (Zug 901-14) von Drancy nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 991 Personen, die aus vier Lagern der sogenannten freien Zone, Rivesaltes, Les Milles, Noé und Récébédou, kamen. Die Fahrt im Viehwaggon von Drancy nach Auschwitz dauerte zwei Tage. Nur 195 Männer im Alter zwischen 18 und 42 Jahren überlebten den Transport. Die übrigen 866 Personen, darunter alle Frauen und Kinder, wurden nach der Ankunft sofort vergast.
Da nicht bekannt ist, ob Rosa Moerschner während des Transports starb oder erst in Auschwitz ermordet wurde, ihr offizielles Todesdatum wurde auf den 14. August 1942 gelegt, dem Tag der Abfahrt des Zuges von Drancy nach Auschwitz.
Im „Memorial de la Shoah“ in Paris, der zentralen Gedenkstätte an den Holocaust in Frankreich, ist Rosa Moerschner auf Tafel 75, Zeile 25 unter dem Namen Rosa Moerschener verewigt.