Adolf
KATZENELLENBOGEN

1901 - 1964 I
Ruppanerstraße 13
Stolperstein verlegt am 17.12.2022
Adolf KATZENELLENBOGEN Ruppanerstraße 13

Wie der Familie Katzenellenbogen die Flucht in die USA gelang

Kurzbiografie

Im Oktober 1935 bezog Adolf Katzenellenbogen mit seiner Frau Elisabeth, geborene Holzheu, das neu erbaute Haus mit großem Grundstück im rechtsrheinischen Allmannsdorf.

Nach bisherigen Erkenntnissen war Adolf Katzenellenbogen zu der Zeit wohl der einzige jüdische Einwohner in diesem Konstanzer Teilort. Seine Frau Elisabeth war eine nichtjüdische Schweizerin aus Zürich. Beide Ehepartner kamen aus einem vermögenden Elternhaus.

Der finanzielle Rückhalt durch die Eltern ermöglichte dem jungen Ehepaar ein sorgenfreies Leben trotz einge­schränkter eigener Erwerbstätigkeit. Denn das vom NS-Regime verfügte Berufsverbot für Juden versagte dem Wissenschaftler Adolf Katzenellenbogen jede Forschungs- und Lehrtätigkeit an einer deutschen Hochschule.

Seine Frau Elisabeth, eine Konzertpianistin, konnte dagegen gelegentlich Unterricht an einer Musikschule im schwei­zerischen Winterthur geben. Im Laufe des Jahres 1938 versuchte das Ehepaar, das mittlerweile eine Tochter bekommen hatte, in die Schweiz auszuwandern. Das Gesuch wurde jedoch vom Kontrollbureau Winterthur abgelehnt.

Im Zuge des November-Pogroms wurde Adolf Katzen­ellen­bogen dann am 09. November 1938 von der Gestapo in Haft genommen und zusammen mit den meisten jüdischen Männern aus dem süddeutschen Raum in das KZ Dachau eingeliefert.

Durch einen glücklichen Zufall gelang es seiner Frau, einen SS-Offizier auf ihrem Weg nach Dachau zu treffen und diesen zu bewegen, ihren Mann am 01. Dezember 1938 frei zu lassen. Für die lebensrettende Behandlung seiner Lungen­erkrankung, die in einem Schweizer Spital durchgeführt wurde, erhielt die kleine Familie die Ausreisegenehmigung aus Deutschland am 06.01.1939. Die Familie blieb mit einer temporären Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz, musste sich aber um eine Ausreise in ein anderes Aufnahmeland bemühen. Adolf Katzenellenbogen erholte sich bald von dem operativen Eingriff und konnte auf Einladung seines Doktorvaters Erwin Panofsky im August 1939 eine Vortragsreise in die USA antreten.

Durch einen glücklichen Umstand brauchte er die vorge­sehene Rückreise nach Europa nicht zu machen. Er blieb auf Dauer in den USA, musste jedoch noch gut zwei Jahre warten, bis er seine Frau und Tochter im August 1941 in New York in Empfang nehmen konnte. Die Familie lebte in der Folge im Staat New York und später in Baltimore/MD, wo Adolf Katzenellenbogen zuletzt einen Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Johns Hopkins Universität hatte. Im Jahr 1944 wurde der Sohn John geboren, der heute eine Professur im Bundesstaat Illinois hat.

Dr. Adolf Katzenellenbogen starb am 30. September 1964 in Baltimore / USA.

Recherche: Hans Seiffert
Patenschaft: John Katzenellenbogen

Quellen & Literatur:

Vom Autor angestellte Nachforschungen brachten keinen Nachweis für die Existenz eines Sturmbannführers Bauer im Lager Dachau zur fraglichen Zeit. Möglicherweise hatte der Offizier aus Gründen der eigenen Sicherheit falsche Angaben zur Person oder zum Dienstort gemacht.
Bekenntnis eines hochrangigen SS-Führers gegenüber Eugen Kogon, zitiert in Eugen Kogon, Der SS-Staat, 13. Aufl., Heyne-Verlag, München 1983, S. 42.
Brief Tita Stremlow an den Sohn John Katzenellenbogen (J.K.) vom 14.04.1998, Privatarchiv J. K.
„Family history discussion with John Katzenellenbogen“, Protokoll 2016 (ohne Datum). Privatarchiv JK.
Bericht Elisabeth Katzenellenbogen, Eidesstattliche Versicherung vom 25.06.1966, Staatsarchiv Freiburg, F 196/4382, Bd. 2.
Artikel „Südkurier“ Konstanz vom 23.11.1945, Stadtarchiv Konstanz, Personenakte.
B. Stark, Y. Hildwein „Dem See treu, Karl Einhart (1884-1967) und seine Weggefährten, Konstanz 2017, S. 20; Die Autoren benennen Werner Reinhart, den Förderer von Musikkünstlern, als Helfer. Dagegen verfügt die Familie J. K. über Hinweise, dass Oskar Reinhart, der bekannte Kunstsammler, Einfluss ausgeübt hatte.
Privatarchiv J.K.
Mitteilung des Finanzamts Konstanz vom 15.09.1951, Staatsarchiv Freiburg F196/4382, Bd.1.
Aussage des Nachbarn und Zeitzeugen Peter Mändlen im Gespräch mit dem Autor am 02.05.2022.
Bericht des Kontrollbureau Winterthur an den Stadtrat Winterthur vom 07.07.1938, Quelle: Privatarchiv J.K.
Ebenda.
B. Stark, Y. Hildwein, Dem See treu, a.a.O., S. 20, Fußnote 67.
Bericht Elisabeth Katzenellenbogen, Eidesstattliche Versicherung vom 25.06.1966, Staatsarchiv Freiburg, F 196/4382, Bd. 2.
„Family history discussion with John Katzenellenbogen“.
www.ancestry.de, Abruf 5.11.2022.
Elisabeth Katzenellenbogen, Eidesstattliche Versicherung.
Staatsarchiv Freiburg, Wiedergutmachungsakte F 196/1-4382/2.

Literatur:
Kogon, Eugen, Der SS-Staat, 13. Aufl., Heyne-Verlag München 1983.
Stark, Barbara, Hildwein, Yvonne, Dem See Treu – Karl Einhart, Städtische Wessenberg-Galerie, Konstanz 2017.
Gedruckte und ungedruckte Quellen.
Geschichtswerkstatt Göttingen, Abruf 3.1.2024.
Privatarchiv John Katzenellenbogen, Urbana-Champaign/Il, USA.
Staatsarchiv Freiburg/Br., Wiedergutmachungsakte F 196/4382.
Südkurier vom 23.11.1945.
Interview vom 02.05.2022 mit Peter Mändlen und Dr. Ewald Weisschedel, Konstanz, Ruppanerstraße.
Gedenkstätte Lager Dachau, Auszug Lagerbuch.
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