Gottlieb
WEISSER

1906 - 1945 I
Katzgasse 10
Stolperstein verlegt am 20.05.2026
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Gottlieb WEISSER Katzgasse 10

Der Vergasung entronnen, aber später Opfer der „dezentralen Euthanasie“

Gottlieb Weisser wurde am 27. August 1906 als zweites Kind des Schreiners Georg Weisser und dessen Frau Karoline, geborene Grießhaber, in St. Georgen im Schwarzwald geboren. Sein älterer Bruder Emil wurde 1903 geboren. Im Jahr 1919 erfolgte der Umzug der Familie nach Konstanz, wo sich seine Mutter 1926 das Leben nahm.

Wie über seinen Bruder Emil ist auch nur sehr wenig über das Leben von Gottlieb Weisser bekannt. Er begann eine Schuhmacherlehre, wurde aber bereits im Alter von 17 Jahren erstmals für über vier Jahre in der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz aufgenommen. Was zu diesem Aufenthalt führte, an welcher Krankheit Gottlieb genau litt, ist nicht mehr zu klären. Nach seiner Entlassung lebte er wieder bei seinem Vater in der Katzgasse 10 und arbeitete mehrmals, aber jeweils nur für kurze Zeit, bei Schuhmachern in der Region. Bis er im Januar 1933 erneut Patient der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz wurde und dort bis zur Auflösung der Anstalt im Februar 1941 blieb.

Gottlieb Weisser gehörte damit zu den Anstaltsinsassen, die nicht im Rahmen der „Aktion T4“ unter Vorspiegelung von „Verlegungen von Anstaltspatienten im Rahmen besonderer planwirtschaftlicher Maßnahmen“ in die Gasmordanstalten von Grafeneck und Hadamar deportiert und dort ermordet wurden. Insgesamt verließen zwischen Mai 1940 und Februar 1941 elf Transporte die Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz: Von den insgesamt 531 Männer und Frauen, die aus der Anstalt deportiert worden waren, wurden einige Frauen und Männer in Grafeneck oder in vorgeschalteten Zwischenanstalten zurückgestellt, sodass Faulstich eine Gesamtopferzahl von 508 Pfleglingen der Konstanzer Anstalt ermittelte. Gottlieb Weisser war nicht darunter. Was die Vermutung zulässt, dass er zu jenen arbeitsfähigen Anstaltsinsassen gehörte, die für die Aufrechterhaltung des Anstaltsbetriebes benötigt wurden.

Als es schließlich im Februar 1941 zur vollständigen Auflösung der Konstanzer Anstalt kam, wurde Gottlieb Weisser – wie auch alle anderen verbliebenen Insassinnen und Insassen – in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen bei Freiburg verlegt. In den wenigen Einträgen seiner Emmendinger Patientenakte wurde Gottlieb Weisser zunächst als apathischer, aber keinerlei Schwierigkeiten bereitender Insasse beschrieben. Dann jedoch findet sich folgender Eintrag vom 7. Oktober 1941: „Gegenüber früheren Jahren ist W`s Befinden erheblich gebessert. Er wird deshalb in die Kreispflegeanstalt Geisingen verlegt.“ Die Verlegung fand noch am selben Tag statt.

Direkt nach der Machtübergabe an die NSDAP im Jahr 1933 war der Direktor der Kreispflegeanstalt Geisingen, Wilhelm Simon, abgesetzt und als neuer Leiter der Landwirt und NSDAP-Ortsgruppenleiter Wilhelm Weick eingesetzt worden. Nachdem bereits im Rahmen der zentralen „Aktion T4“ aus der Kreispflegeanstalt mit drei Transporten insgesamt 66 Personen in die Mordanstalten Grafeneck und Hadamar verschleppt worden waren, führten danach Hunger, Kälte, miserable hygienische Zustände und bewusst unterbliebene medizinische Versorgung in Geisingen zum Tod vieler pflegebedürftiger Menschen. Arbeitsunfähige Patientinnen und Patienten erhielten beispielsweise in Sachsen bereits seit 1938 nur noch eine „Sonderkost“, einen kalorienreduzierten Gemüsebrei, zynisch auch „Großschweidnitzer Vitaminkost“ genannt. Die preußische Provinz Sachsen praktizierte als erste das institutionelle Hungersterben. Später wurde diese Methode auch andernorts eingeführt. So beispielsweise in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee ab 1941 mit einer gezielt eingesetzten „Entzugs-Kost“. Ab 1942 wurden reichsweit die Nahrungsmittel für die „arbeitsunfähigen“ Anstaltspfleglinge nochmals reduziert. Permanenter Hunger gehörte zum Alltag, was zu einem dramatischen Anstieg der Sterbefälle führte.

Als der nach Kriegsende wiedereingesetzte Verwalter Wilhelm Simon die Kreispflegeanstalt Geisingen besuchte, erlebte er katastrophale Zustände: Er fand bis zum Skelett abgemagerte Menschen – sie sollen sich von Gras und Baumrinde ernährt haben – vor, die in viel zu engen Räumen unter hygienisch untragbaren Verhältnissen lebten. Nils Jannick Bambusch schreibt dazu: „Von den rund 500 Frauen und Männern, die seit 1944 in der Kreispflegeanstalt untergebracht waren, starben allein im letzten Kriegsjahr 186 – das waren 37% aller Heimbewohnerinnen und Heimbewohner. Die Sterblichkeitsziffer des Jahres 1945 macht aber vor allem eines deutlich: Das Leiden der Heilanstaltspatienten hielt auch nach der Befreiung durch die Alliierten weiter an. Die Todeszahlen sind über die Monate des Jahres 1945 annähernd gleichbleibend verteilt“ (Bambusch, S. 140).

Zu diesen Opfern des letzten Kriegsjahres gehört auch Gottlieb Weisser. Er starb im Alter von nur 40 Jahren am 19. Juli 1945 in der Anstalt Geisingen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Opfer von systematischer Mangelernährung und fehlender medizinischer Behandlung. Beerdigt wurde er auf dem kleinen Anstaltsfriedhof. Sein Grab ist mittlerweile aufgelassen.

Hinweis: Das Haus Katzgasse 10, ein Anwesen mit mehreren Anbauten, existiert bereits seit längerem nicht mehr. Auf diesem Flurstück befindet sich heute ein neueres Gebäude, dessen Eingang sich auf der Unteren Laube befindet.
Recherche: Sabine Bade / Uta Manogg
Patenschaft: Gabriele Al-Bayati

Quellen & Literatur:

Bade, Sabine / Didra, Roland: Es konnte alle treffen - Gedenkbuch für die Konstanzer Opfer von NS-Zwangssterilisation und „Euthanasie“-Verbrechen 1934–1945, Konstanz 2024 (hier verfügbar);
Bambusch, Nils Jannik: „In Anstalten ist niemand mehr untergebracht“ – „Euthanasie“ und NS-Gesundheits- und Fürsorgepolitik im Landkreis Tuttlingen, Tuttlingen 2020
Faulstich, Heinz: Hungersterben in der Psychiatrie 1914–1949, Freiburg 1998
Faulstich, Heinz: Von der Irrenfürsorge zur „Euthanasie“. Geschichte der badischen Psychiatrie bis 1945, Freiburg 1993
Kreisarchiv Schwarzwald-Baar, D 6.1 Nr. 1551 (Akte Gottlieb Weisser)
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg, E 120/1 Nr. 6050 (Patientenakte Gottlieb Weisser Emmendingen)
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg B 132/1 Nr. 486 (EGG-Akte Emil Weisser)
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg, F 176/1 Nr. 778 (Ermittlungsakten zu Dr. Arthur Schreck und Dr. Ludwig Sprauer wg. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dort auch zu den Verhältnissen der Kreispflegeanstalt Geisingen von 1933-1945)

Familienmitglieder

Emil
WEISSER

1903 - 1970 I
Katzgasse 10
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