Charlotte
BLOCH, geb. LAZARUS

1848 - 1940 I
Bahnhofplatz 4
Stolperstein verlegt am 03.05.2017

Kunstfreundin, Förderin und tragisches Ende im Schatten des Holocaust

Charlotte Bloch, geb. Lazarus, wurde am 9. Juni 1848 in Jüchen, Kreis Neuss, als Tochter der Eheleute Sophie und Leser Lazarus. Sie war verheiratet mit Berthold Bloch, einem Immobilien­händler und Bankier, geb. am 26. Juni 1841 in Randegg, gest. am 4. Oktober 1900 in Konstanz.

Das Ehepaar hatte keine Kinder. Charlotte Bloch wohnte auch als Witwe weiterhin in der gemeinsamen Wohnung in der Bahnhofplatz 4, in dem sich auch das Hotel Victoria befand.

Charlotte wurde wegen ihrer zarten Figur früher das ‘Lottchen‘ genannt.

Zu ihrem 80. Geburtstag erschien am 13. Juni 1928 in der Konstanzer Zeitung folgender Artikel über sie: „Ihr 80. Lebensjahr vollendete gestern in selten geistiger, wie körperlicher Frische Frau Charlotte Bloch, Bahnhofstraße 4. Vor dem Kriege [=1. Weltkrieg] vielfache Haus­besitzerin, war die Jubilarin bekannt als Kunst­freun­din, besonders der Musik und des Theaters. Mit den Meistern Handloser und Rust war sie eng befreundet und viele junge Talente wurden von ihr tatkräftig gefördert. Theater­direk­toren wie Harnack und Martin konnte man seinerzeit dort treffen und anregende Stunden verplaudern. Heute noch liest die Jubilarin gern gute Bücher und macht spinnwebfeine Handarbeiten ohne Brille. Sie vermag auch glänzend zu erzählen, u.a. von der ungeheuren Freude vom Fall Lüttichs, war doch der Sieger Emmich in seiner Konstanzer Militärzeit ihr Mieter und verkehrte freund­schaftlich bei der Familie. Mögen der rüstigen Achtzigerin noch viele sorgenfreie, ungetrübte Jahre beschieden sein!

Nach dem Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden (RGBl I, S. 864) vom 30. April 1939 durfte sie nicht mehr in ihrer Wohnung Bahnhofplatz 4 verbleiben. Der Besitzer dieses Hauses, die Bilgerbräu in Gottmadingen, berief sich auf dieses Gesetz, wonach es Juden verboten war, in einem ‘arischen‘ Haus zu wohnen, und kündigte Charlotte Bloch.

Sie war inzwischen schon über 90 Jahre alt und teilweise gelähmt. Sie benötigte für ihre Betreuung eine Hilfe und stellte den Antrag, dass die 76 Jahre alte jüdische Frau Helene Kaufmann aus Kehl, die sich bei ihr befand, wohnen bleiben dürfe. Dieser Antrag wurde mit einer Frist von 3 Tagen abgelehnt. Sie musste am 6. März 1940 in die Saarlandstr. 25 (heute Bodanstr.) einem ‘Judenhaus‘ umziehen.
 
Von dort wurde sie am 22. Oktober 1940 im Alter von 92 Jahren als älteste Jüdin nach Gurs deportiert.
 
Ihre Schwester Paula Friederica Hoechheimer, geb. Lazarus, geboren am 15. Juli 1865 in Jüchen, gest. am 17. April 1940 in Mannheim, hatte vier Kinder. Eine Tochter, Dr. Alice Sophie Höchheimer-Neumark, geb. am 23. Dezember 1896, sowie deren Zwillings­söhne Ernst und Kurt Neumark, geb. am 7. Februar 1924, wurden in der gleichen Deportationsaktion ebenfalls nach Gurs transportiert. Für alle Drei ging der Weg weiter nach Auschwitz. Dort wurde Alice Sophie am 14. August 1942 ermordet. Ihre beiden Söhne wurden im September für tot erklärt.
 
In Gurs starb Charlotte Bloch nur knapp 4 Wochen nach ihrer Verschleppung am 17. November 1940, auf den Tag genau 51 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter Sophie Lazarus. Als Todesursache wurde Alters­schwäche angegeben. Ob alle Familienmitglieder in Gurs von dem Aufenthalt der jeweils anderen wuss­ten, ist ungeklärt geblieben.

Recherche: Ursula Herchenbach
Patenschaft: Ursula Herchenbach

Quellen & Literatur:

Stadtarchiv Konstanz.
Erich Bloch, Geschichte der Konstanzer Juden.
Bundesarchiv, Abruf 3.1.2024.
www.its-arolsen.org, Abruf 3.1.2024.
Landesarchiv Baden Württemberg.
Gemeindearchiv Jüchen.
Archives départementales des Pyrénées-Atlantiques.
Stadtarchiv Mannheim.
Jüdische Museum Gailingen, Abruf 3.1.2024.
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