Emma
LOEB

1881 - 1969 I
Bodanstraße 22
Stolperstein verlegt am 20.05.2026
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Emma LOEB Bodanstraße 22

Als Jüdin mit Glück mehrere Lager in Frankreich überlebt.

Emma Loeb wurde am 8. September 1881 als Emma Oppenheimer in Rohrbach bei Büdingen (Hessen) geboren. Ihre Eltern waren Simon Oppenheimer (1846–1933) und Betty, geb. Loeb (1853– 1926). In Rohrbach gab es Ende des 19. Jahrhunderts eine recht große jüdische Gemeinde: 21 % der Einwohner waren jüdisch. Emma Oppenheimer hatte drei Geschwister, von denen ihre Schwester Sara 1942 in Auschwitz ermordet wurde.

Im Jahr 1900 zog Emma Oppenheimer nach Aschaffenburg. 1906 heiratete sie Louis Loeb, geb. am 15. Dezember 1878 in Goldbach bei Aschaffenburg. Louis Loeb war Generalagent der Victoria Versicherungen und Textilvertreter in Aschaffenburg. Er engagierte sich als Vorsitzender der Jüdischen Hilfskasse und des Israelitischen Männergesangsvereins. Louis Loeb war durch seinen Beruf wohlhabend geworden; das Ehepaar besaß ein Haus und ein Automobil, was damals eher selten war.

Das Ehepaar Loeb hatte eine Tochter mit Namen Alice Fanny, geb. am 16. April 1908 in Aschaffenburg. Alice Fanny war verheiratet mit Adolf Dreifuss, geb. am 28. April 1888 in Altdorf bei Nürnberg. Das Ehepaar Dreifuss lebte ab 1930 in Karlsruhe; Ende 1939 gelang den beiden die Flucht über Marseille nach Lissabon, von wo aus sie im Mai 1941 mit einem Schiff nach New York übersetzten. Ihre beiden Kinder Marion (geb. 1931) und Joachim (geb. 1934) überlebten den Holocaust, weil sie im März 1939 mit einem Kindertransport nach England kamen. 1946 übersiedelten die beiden Kinder zu ihren Eltern in die USA. Marion Dreifuss heiratete 1953 Josef Kempler; sie starb schon 1956. Joachim „Joe“ Dreifuss heiratete 1957 und hatte zwei Töchter. Er wurde Berufssoldat, diente 25 Jahre beim Militär, darunter im Korea- und Vietnam-Krieg und schied 1979 als Sergeant Major (Unteroffizier) aus der Armee aus. Er starb 2001 in Arneytown, New Jersey.

Nach dem Tod ihres Mannes Louis im Juli 1939 musste Emma Loeb ihr Haus in Aschaffenburg verkaufen. Der nationalsozialistische Terror zwang in jenen Jahren viele Aschaffenburger Juden, die Stadt zu verlassen. Ob das Ehepaar Loeb emigrieren wollte, konnte nicht ermittelt werden. Im November 1939 übersiedelte Emma Loeb nach Stuttgart und Ende August 1940 zu ihrer Freundin Bella Stern nach Konstanz in der Bodanstraße 22. Die Stuttgarter Behörden meldeten den Umzug von Emma Loeb nach Konstanz. Ihr Name steht daher auf der Liste jener 112 Jüdinnen und Juden aus Konstanz, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden.

Im Lager Gurs herrschten furchtbare Verhältnisse. Die Baracken hatten keine Fußböden, die Dächer waren undicht, die Häftlinge litten Hunger und die sanitären Bedingungen waren unbeschreiblich schlecht. Im Winter 1940/41 starben mehrere hundert Häftlinge an Unterernährung, Typhus, Ruhr und anderen Krankheiten. Auch Emma Loeb, die jetzt 60 Jahre alt war, erkrankte schwer. Der Lagerarzt stellte am 29. Januar 1941 in einem Attest fest: „Um ihre Gesundheit ist es schlecht bestellt.“ Mehrmals durfte sie das Lager zur medizinischen Behandlung verlassen. Nachgewiesen sind kürzere Aufenthalte in den Orten Eaux-Bonnes, Meillom, Arudy, Billère und Izeste, die alle im Umkreis von etwa 50 Kilometern von Gurs liegen. Wahrscheinlich kam ihr Schwiegersohn Adolf Dreifuss in den USA für die Kosten auf.

Anfang Juni 1943 wurde Emma Loeb aus dem Lager Gurs entlassen. Der Grund dafür konnte aus den Quellen nicht ermittelt werden. Vielleicht fiel sie unter den sogenannten Greisenparagraf der Vichy-Regierung vom 19. August 1942, der besagte, dass Juden über 60 Jahre nicht in die Todeslager im Osten deportiert werden. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie entlassen wurde, weil sie Einwanderungspapiere für die USA hatte, die ihr Schwiegersohn Adolf Dreifuss besorgt hatte. In den Akten ist vermerkt, dass Emma Loeb am 21. Juni 1943 in Sagnat, einem kleinen Dorf im Departement Creuse, aus dem Lager Gurs entlassen wurde; das Departement lag, wie auch das Lager Gurs, auf dem Territorium von Vichy-Frankreich. Möglicherweise wurde sie in Sagnat entlassen, weil das Lager Gurs im Sommer 1943 kurz vor der Schließung stand und im Departement Creuse bereits mehrere Tausend jüdische Flüchtlinge Zuflucht gefunden hatten.

Die letzte Station von Emma Loeb in Frankreich war die Hafenstadt Bordeaux, wo sie am 1. Februar 1947 eintraf. Am 27. Februar 1947 schiffte sie sich nach New York ein. Über ihr Leben in den USA ist nichts bekannt. Wahrscheinlich lebte sie bei ihrer Tochter Alice Fanny und deren Mann Adolf Dreifuss in New York. Hier starb sie hochbetagt mit 88 Jahren am 15. Dezember 1969. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Brooklyn, New York, bestattet.

Recherche: Uwe Brügmann
Patenschaft: Anton Wagner

Quellen & Literatur:

Archives départementales des Pyrénées-Atlantiques, Pau, Frankreich, Akten AD64 72W6433 und AD64 72W236 17333
Staatsarchiv Ludwigsburg, Akte EL350 I 27225
Stadtarchiv Konstanz
Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg
ITS Arolsen
ancestry.com
family.org
Körner Peter (Red.): Biographisches Handbuch der Juden in Stadt und Altkreis Aschaffenburg. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein 1993