Emma
WIPPLER

1882 - 1940 I
Kanzleistraße 7
Stolperstein verlegt am 17.03.2008
Emma WIPPLER Kanzleistraße 7

Emma Wippler: Opfer der „Euthanasie“ im Nationalsozialismus

Emma Schweizer wurde am 5. Juni 1882 geboren. Sie erlernte den Beruf der Näherin und heiratete im Alter von 30 Jahren Eugen Wippler. Die größer werdende Familie – aus der Ehe gingen von 1914 bis 1926 sechs Kinder hervor, der erstgeborene Sohn starb bereits als Säugling – lebte in Konstanz in einfachen Verhältnissen. Den erlernten Beruf als Küfer konnte Eugen nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr ausüben. Er gründete eine kleine Milchhandlung. Die grösser werdende Familie wohnte zuerst in der Hussenstr. 14, dann in der Hussenstr. 48 und danach in der Kanzleistr. 7 im 2. Obergeschoss.

In diesen anstrengenden und kräftezehrenden Jahren erkrankte Emma Wippler psychisch. Vom Alltag immer stärker überfordert, wurde sie schwermütig, heute würden wir sagen: depressiv.

So wurde sie am 27. Juli 1929 Patientin in der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz. Den fünf Kindern, damals im Alter zwischen drei und elf Jahren, fehlte plötzlich die Mutter. Die Familie bezog in der Alemannenstraße eine Wohnung im sogenannten Hindenburg-Block; eine von Amts wegen bestellte Haushälterin versorgte die Kinder. Die Mutter ersetzen konnte sie jedoch nicht. Warum ihre Mutter fort war, verstanden die Kinder nicht und sie litten sehr unter der Trennung. Ihnen blieben nur die sonntäglichen Besuche – die mit Beginn der Nazi-Herrschaft allerdings gegenüber Außenstehenden unbedingt verschwiegen werden mussten: Zu groß erschien dem Vater die Gefahr, dass bei Bekanntwerden einer an der vermeintlichen „Erbkrankheit“ Schizophrenie leidenden Mutter auch seine Töchter in die Mühlen der „Aufartung“ zum Schutz der „deutschen Volksgesundheit“ geraten könnten: Schließlich war am 1. Januar 1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft getreten, und in zweifelhaften Fällen pflegten viele örtliche Gutachter auf die erbliche Belastung der gesamten Familie hinzuweisen und diese pauschal als „minderwertig“ zu bezeichnen.

Als Langzeitpatientin, deren Arbeitskraft in der Heilanstalt nicht zwingend benötigt wurde, fiel Emma Wippler in die Gruppe jener Pfleglinge, die die Anstaltsleitung im Zuge der „Aktion T4“ nach Berlin meldete.

Am 20. Juli 1940 erhielt ihr Mann ein Schreiben, wonach seine Frau nach Hartheim bei Linz hätte verlegt werden müssen, wo sie am 19. Juli an einer Magenblutung verstorben sei.

Zitat: „All unsere ärztlichen Bemühungen hatten leider keinen Erfolg mehr ….. um einer möglichen Seuchengefahr, die jetzt während des Krieges besonders gross ist, vorzubeugen, musste die Verstorbene … sofort eingeäschert werden.

All diese Angaben sind erlogen, frei erfunden, blanker Zynismus.

Tatsache ist: Emma Wippler starb nicht in Hartheim und sie starb an keiner Krankheit. Sie wurde bereits 3 Wochen, bevor ihr Ehemann die Todesnachricht erhielt, ermordet. Man findet ihren Namen unter Nr. 64 von insgesamt 75 Frauen auf der Transportliste von der Reichenau zur Mordanstalt Grafeneck auf der schwäbischen Alb.

Emma Wippler wurde am Vormittag des 27. Juni 1940 in einem der grauen Busse mit weissgetünchten Fenstern abgeholt und wenige Stunden später in Grafeneck vergast und eingeäschert.

Stolperstein zum Hören in SWR2

Recherche: Roland Didra
Patenschaft: Elisabeth Didra

Quellen & Literatur:

Privatarchiv Didra;
Staatsarchiv Freiburg B 822/3 Nr. 290;
Stadtarchiv Konstanz: Einwohnermeldekarten vor 1945
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