Valentin
WIPPLINGER

1887 - 1941 I
Obere Laube 61
Stolperstein verlegt am 20.05.2026
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Valentin WIPPLINGER Obere Laube 61

Als Landschaftsfotograf aus der badischen Provinz nach Konstanz und in Dachau ermordet.


Valentin Wipplinger wurde am 20. Januar 1887 in Freyung (Bayern) geboren. Er war ein uneheliches Kind und wurde noch am Tag seiner Geburt von Stephan Wipplinger, dem Kindesvater, und dessen Frau Johanna Wipplinger, geb. Garhammer, adoptiert. Sein Vater war von Beruf Zolleinnehmer in Rittsteig (Passau).

Wegen Diebstahls kam Valentin Wipplinger schon als Jugendlicher mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt. Auch während seiner Militärzeit 1907/08 in Bayern wurde er zweimal wegen Diebstahls verurteilt. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass der Grund für sein Verhalten im gestörten Verhältnis zu seinen Adoptiveltern zu suchen ist, wenngleich es dafür keine Belege gibt. 1913 ließ Valentin Wipplinger sich in Kleinlaufenburg am Rhein, wie das heutige badische Laufenburg bis 1930 hieß, nieder. Im Oktober 1916 heiratete er Marie, geb. Mutter, aus Schachen bei Albbruck. Aus der Ehe gingen drei Kinder, Valentin, Max und Maria, hervor. Im November 1934 erfolgte die Scheidung.

Während des Ersten Weltkrieges diente Valentin Wipplinger nach eigenen Angaben bei den Luftschiffern (Zeppeline), wobei nicht klar ist, wie lange er Soldat war. Anfang der 1920er Jahre gründete er in Kleinlaufenburg einen Verlag für Ansichtskarten. Von Valentin Wipplinger sind mehrere Ortsansichten von Kleinlaufenburg und anderen Gemeinden im südlichen Schwarzwald bekannt. Sein Sohn Valentin, geb. 1918 in Freiburg, wurde Fotograf wie sein Vater. Von ihm sind mehrere spektakuläre Bilder eines Zugunglücks in Laufenburg von Anfang der 1940er Jahre überliefert.

Wegen seiner malerischen Lage am Rhein brachten etliche Verlage in der Schweiz und in Deutschland Ansichtskarten von Kleinlaufenburg heraus. Und selbst im Ort selbst mit etwa 1 000 Einwohnern gab es noch einen zweiten Ansichtskartenverlag. Wohl wegen der starken Konkurrenz verließ Valentin Wipplinger im Oktober 1933 Laufenburg und zog nach Konstanz. Seine Familie blieb in Laufenburg zurück und lebte dort von der öffentlichen Fürsorge.

Auch in Konstanz kam Valentin Wipplinger mit dem Gesetz in Konflikt und wurde wegen Unterschlagung zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach seiner Freilassung im Dezember 1933 beantragte er im Februar 1934 beim Konstanzer Gewerbeamt die Zulassung als Fotograf, da er endlich für seine Familie sorgen wolle, wie er zu Protokoll gab. Wegen seiner zahlreichen Vorstrafen lehnte das Gewerbeamt seinen Antrag zunächst jedoch ab: „Bei der großen Anzahl wirklich guter und einwandfreier Photographengeschäfte würde eine Genehmigung zweifellos zu zahlreichen Beschwerden seitens hiesiger Fachgeschäfte führen“. Ende 1934 erhielt Valentin Wipplinger dann doch seine Zulassung als Fotograf.

Im Januar 1935 verzeichnete Valentin Wipplinger einen ersten Erfolg als Fotograf, da er in der „Bodensee-Rundschau“ ein Bild veröffentlichen konnte, das die Rückkehr von Konstanzer Männern und Frauen zeigt, die im Saargebiet an der Volksabstimmung teilgenommen hatten. Am 3. Januar 1935 hatten die Saarländer mit 91 % für den Verbleib beim Deutschen Reich gestimmt. Anlässlich dieses Ereignisses inszenierte die Konstanzer NSDAP auf der Marktstätte eine Jubelfeier mit Feuerwerk und Reden der Parteiprominenz und Tausenden von Zuschauern.

Trotz dieses Erfolgs geriet Valentin Wipplinger erneut auf die schiefe Bahn. Nach Verbüßung einer halbjährigen Haftstrafe im Gefängnis von Offenburg kehrte er im August 1936 nach Konstanz zurück. Obwohl er nachweislich kein Mitglied der NSDAP war, konnte er im Oktober 1936 erneut ein Bild von der provisorischen Rheinbrücke in der „Bodensee-Rundschau“ veröffentlichen. Valentin Wipplinger war jetzt als Fotograf so weit etabliert, dass er auch Aufträge für Ansichtskarten von Hotels und Gasthäusern bekam, die diese dann als Werbemittel einsetzten.

Der Markt für Ansichtskarten in Konstanz war in den 1930er Jahren heiß umkämpft. Auf Grund seiner Lage am See, seiner Alpenkulisse und seiner romantischen Altstadt bot Konstanz zahlreiche Motive, die sich gut vermarkten ließen. In Konstanz gab es eine Vielzahl von Fotografen wie Theodor Vogler, Josef Fischer, German Wolf, R. Oschmann u.a., die ihre Ansichtskarten in eigenen Verlagen herausgaben. Daneben gab es etliche ortsansässige Verlage für Ansichtskarten wie den Seeland-, J.A. Pecht- oder Stadler-Verlag, die die Fotografen auf ihren Ansichtskarten nannten. Dabei legte speziell der J.A. Pecht-Verlag Wert auf bekannte Namen. So gestaltete zum Beispiel die Lübeckerin Clara Gaedeke (1871 – 1943) für den Verlag zehn künstlerisch hochwertige Ansichtskarten mit Motiven aus Konstanz. Die Nachfrage nach Ansichtskarten war so groß, dass selbst Fotogeschäfte wie die Gebrüder Hepp in Konstanz, Papiergeschäfte oder Kioske Ansichtskarten produzierten; gleiches galt für die Konzils-Gaststätten oder die katholische Münster-Buchhandlung. Auch die Verwaltung der Mainau gab eigene Ansichtskarten mit Motiven von der Blumeninsel heraus, zu denen manche Graf Lennart Bernadotte als begeisterter Fotograf selbst beisteuerte.

Den größten Teil der Ansichtskarten von Konstanz produzierten freilich Großverlage wie Schöning in Lübeck, Franckh in Stuttgart oder die Brüder Metz in Tübingen mit Tausenden von Motiven aus allen deutschen Städten, bei denen die Fotografen in aller Regel aber nicht genannt wurden.

Es spricht für die Qualität von Valentin Wipplinger als Fotograf, dass er auf dem Konstanzer Markt Fuß zu fassen konnte. Bislang sind bislang fünf Ansichtskarten aus jener Zeit von ihm bekannt und zwar drei aus Konstanz vom Gasthof Goldener Sternen, Hotel Scheffelhof, Gasthof Ranzenwirt, sowie eine damals eher seltene Zwei-Bild-Ansichtskarte mit der Rheinbrücke und den Bayerischen Bierhallen; außerdem gibt es eine Ansichtskarte vom Gasthof zum Grünen Baum in Moos bei Radolfzell. Denkbar ist natürlich, dass es noch mehr Ansichtskarten von Valentin Wipplinger gibt; ebenso möglich ist, dass er auch für Ansichtskartenverlage, von denen es im Bodenseegebiet mehrere gab, fotografierte. Wahrscheinlich fotografierte er auch bei der Fasnacht, wie ein Eintrag beim Konstanzer Gewerbeamt nahelegt. Allerdings sind bis jetzt keine Aufnahmen von ihm dokumentiert.

Am 9. April 1940 wurde Valentin Wipplinger in Konstanz verhaftet und über Mannheim am 22. Februar 1941 in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. In Dachau wurde er als Schutzhäftling mit der Nummer 23921 in der Kategorie „PSV“ geführt. PSV bedeutete „Polizeiliche Sicherungsverwahrung“. Diese Klassifizierung galt für mehrfach vorbestrafte Männer, Arbeits- und Wohnsitzlose aber auch für Fürsorgeempfänger, die aus Sicht der Nazis als „Berufsverbrecher“ galten. Schutzhäftling bedeutete, dass Valentin Wipplinger von der Gestapo oder Polizei verhaftet und ohne Gerichtsverfahren in das KZ eingeliefert wurde.

Wahrscheinlich war Valentin Wipplinger ein spätes Opfer des vom Reichsinnenministers Wilhelm Frick bereits am 14. Dezember 1937 herausgegebenen Erlasses an die Landesregierungen und Polizeidienststellen, in dem sogenannte „Berufsverbrecher“ in polizeiliche Vorbeugehaft genommen werden konnten. „Berufsverbrecher“ waren Personen, „die wegen Gewinnsucht begangener Straftaten mindestens dreimal zu Zuchthaus oder Gefängnis von mindestens sechs Monaten rechtskräftig verurteilt worden sind.“ Diese Merkmale trafen auf Valentin Wipplinger zu, da er neben kürzeren Gefängnisstrafen auch viermal zu je 6 Monaten (zweimal während seiner Militärzeit 1908/1910 und je einmal 1911 in Bozen und 1936 in Offenburg) verurteilt worden war. Möglicherweise lebte Valentin Wipplinger nach Ausbruch des Krieges 1939 auch von der städtischen Fürsorge, da in der Kriegszeit der Tourismus weitgehend zum Erliegen gekommen war und er wahrscheinlich keine Aufträge mehr von Hotels und Gasthöfen bekam.

Schon wenige Tage nach seiner Einweisung in das KZ Dachau wurde Valentin Wipplinger vom SS-Lagerarzt Dr. Lang wegen eines Zwölffingerdarmgeschwürs operiert. Dr. Lang war gefürchtet wegen seiner illegalen Versuche an Häftlingen. Ob diese Operation letztlich zu seinem Tod am 27. Mai 1941 führte, wissen wir nicht.

Dr. Karl Lang hatte seine Ausbildung an der „SS-ärztlichen Akademie“ in Graz gemacht, die 1940 für ärztliches SS-Führungspersonal eingerichtet wurde. Zu Ausbildungszwecken wurden die Studierenden der Akademie im KZ Dachau eingesetzt, wo sie zwischen Mai 1941 bis Ende 1942 an 500 Häftlingen medizinische Versuche durchführten, oftmals mit tödlichen Folgen.

Die Leiche von Valentin Wipplinger wurde im Krematorium des Lagers verbrannt und seine Asche auf dem Gelände des Lagers verstreut.

Recherche: Uwe Brügmann
Patenschaft: Ralph Hensel

Quellen & Literatur:

Stadtarchiv Konstanz
Stadtarchiv Freyung
Stadtarchiv Laufenburg
ITS Arolsen
Archiv Gedenkstätte KZ Dachau
Universitätsarchiv Graz

Klöckner, Jürgen: Selbstbehauptung durch Selbstentmachtung. Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. Ostfildern: Thorbecke Verl., 2012, S. 181-183
Die deutsche Justiz und der Nationalsozialismus, Teil 1, Stuttgart 1968, S. 154, zitiert nach Karl-Leo Terhorst, Polizeiliche planmäßige Überwachung und polizeiliche Vor-beugungshaft im Dritten Reich, Heidelberg 1985, S. 168.
Borggräfe, Henning: Die Rekonstruktion von Verfolgungswegen im NS-Terrorsystem. Eine Fallstudie zu Opfern der Aktion „Arbeitsschau Reich“, in: Freilegungen. Wege, Ort und Räume der NS-Verfolgung. Göttingen: Wallstein 2016, S. 56-82