Alfred
SAUTER

1898 - 1943 I
Mangoldstraße 12
Stolperstein verlegt am 17.11.2022
Alfred SAUTER Mangoldstraße 12

Am 30. Juli 1937 wurde Alfred Sauter verhaftet und in Schutzhaft genommen

Alfred Sauter wurde am 23.11898 in Konstanz geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Eltern waren nicht verheiratet. Als kleiner Junge war er als Kostgänger bei verschiedenen Bauern in der Umgebung untergebracht. Von Beruf war er Schlosser. Verheiratet war er mit Berta, geb. Gagg. Die Ehe blieb kinderlos. Sauter hatte aus früheren Beziehungen allerdings zwei uneheliche Kinder.

Im Ersten Weltkrieg war er von Anfang März 1917 bis Anfang November 1918 an der Westfront eingesetzt und geriet nach Kriegsende in englische Kriegs­gefangen­schaft. Ende September 1919 wurde er entlassen und kehrte nach Konstanz zurück.

In Konstanz zurück, arbeitete er als Schweißer in der Textilfabrik Stromeyer. 1922 machte er seine Gesellen­prüfung. In den Jahren 1922 bis 1930 arbeitete er in Basel, Darmstadt, Singen und anschließend wieder in Konstanz in verschiedenen Betrieben. In der großen Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre war Sauter arbeitslos. 1933 fand er wieder eine Stelle als Elektroschweißer bei Stromeyer. Hier kam er nach der Machtübernahme der Nazis mit der Werksleitung in Konflikt, weil er sich zunächst geweigert hatte, eine Verpflichtung gegen Werksspionage zu unterschreiben. Als er dann doch unterschreiben wollte, hatte der verantwortliche Vorgesetzte ihn schon bei der Gestapo angezeigt.

Am 30. Juli 1937 wurde Alfred Sauter verhaftet und in Schutzhaft genommen. Als rechtliche Grundlage für seine Verhaftung diente die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933. Seine Verhaftung begründete die Staatspolizeidienststelle Karls­ruhe wie folgt: Sauter habe „durch sein Verhalten, insbe­sondere durch staatsfeindliche Betätigung die öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar gefährdet.“ Und weiter heißt es, dass „er sich in den letzten eineinhalb Jahren durch verschiedene Äußerungen und Abhörens ausländischer Sender der Vorbereitung zum Hochverrat dringend verdächtig gemacht“ habe.

Wahrscheinlich hatte Alfred Sauter wie viele Konstanzer den Schweizer Sender Beromünster gehört, der in Konstanz sehr gut auf Mittelwelle zu empfangen war. Ganz offensichtlich war es also schon vor dem 1. September 1939, als die “Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen” erlassen wurde, gefährlich, ausländische Sender zu hören. Diese Verordnung wurde am Tag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen erlassen und untersagte das Abhören ausländischer Sender; die Zuwiderhandlung hatte Gefängnis- oder Zuchthausstrafen und in besonders schweren Fällen sogar die Todesstrafe zur Folge.

Am 3. November 1937 wurde er vom Konstanzer Gefängnis in das Arbeitslager KZ Kislau bei Bruchsal überführt.

Zwischen 1933 und 1939 wurden dort, in Kislau, mehr als 1.500 Männer ohne Anklage festgehalten und zu Zwangs­arbeit gepresst. Hunderte wurden von dort wurden nach Dachau, Buchenwald oder in andere Lager deportiert. Er befinde sich jetzt „in deutscher politischer Gefangen­schaft“, so schrieb Alfred Sauter Weihnachten 1937 ganz offen auf einer Postkarte an seine Schwester Maria, die in Los Angeles/USA als Ordensschwester lebte. Da die ausgehende Post kontrolliert wurde, fiel die Karte der Zensur zum Opfer.

Vom Lager Kislau wurde Sauter ohne Begründung am 9. April 1938 in das KZ Dachau verlegt. In Dachau wurde er als Schutzhäftling geführt, d.h. er war aus politischen Gründen inhaftiert und es hatte kein Gerichtsverfahren gegeben. Seine Häftlingsnummer war 13949. In Dachau wurde Alfred Sauter mehrmals gefoltert, so z.B. durch das berüchtgte Baum- oder Pfahlhängen. Das Pfahlhängen war eine besondere Art der Folter, die sich der KZ-Kommandant Hans Loritz ausgedacht hatte. Julius Schätzle, DKP- Abgeordneter zum badischen Landtag aus Furtwangen, der selbst Häftling in Dachau und Mauthausen war, beschreibt diese Folter wie folgt:
 
Bei diesem Hängen, kurz “Baum” genannt, wurden dem Verurteilten mit einer eisernen Kette die Hände nach hinten zusammen­geschlossen. Dann mußte er einen drei Stufen hohen Tritt erklettern. Der Henker nahm das andere Kettenende, klinkte es in einem an einem Balken angebrachten Haken ein und zog den Tritt dem Daraufstehenden mit einem Ruck unter den Füßen weg. Dieser schwebte nun mit nach hinten gerissenen Armen ungefähr 20 Zentimeter über dem Boden.
 
Im allgemeinen dauerte diese Prozedur eine Stunde. Das Hängen war aber auch eine sehr beliebte Methode zur Erpressung von Aussagen. In einem solchen Falle hing schon mancher über zwei Stunden. Mancher bis zu seinem Tode. In der Regel trat der Tod zwischen der zweiten und vierten Stunde ein. Fürchterliche Schmerzen in den Schultern und Handgelenke waren die Folgen dieser Behandlung. Nur mühsam konnte die Lunge mit dem nötigen Sauerstoff versorgt werden. Das Herz arbeitete in einem rasenden Tempo. Aus allen Poren drang der Schweiß. Aber auch nach der Stunde dieses Fegefeuers zeigten sich noch üble Folgen. Der Häftling war nicht mehr in der Lage, seine Hände und Arme zu benützen, alles war gelähmt.
 
Nach seiner Freilassung aus dem KZ Dachau am 20. April 1939 wurde er am 28. August 1939 zur Wehrmacht einge­zo­gen und als Motorradfahrer in Schopfheim und im besetzten Luxemburg eingesetzt. Am 1. November 1940 wurde er aus der Wehrmacht entlassen. Bis Kriegsende arbeitete er in den Rieter-Werken als Elektro- und Autogen­schweißer.
 
1941 wurde sein Motorrad der Marke BMW auf Grund des Reichsleistungsgesetzes vom 1. September 1939 für die Wehrmacht requiriert. Dieses Gesetz gab dem Staat das Recht, jederzeit unter dem Vorwand, es handle sich um eine kriegswichtige Maßnahme, privates Eigentum zu beschlag­nahmen. Dies sah das Landesamt für Wiedergutmachung in Freiburg nach dem Krieg ebenso, daher erhielt Sauter keine Entschädigung für sein Motorrad.
 
Alfred Sauter war 20 Monate und 20 Tage inhaftiert.
 
Nach dem Krieg verdiente er seinen Lebensunterhalt als Gelegenheitsarbeiter, seine Frau arbeitete in der Schweiz.
 
Alfred Sauter starb am 19. März 1975 in Konstanz.

Recherche: Uwe Brügmann
Patenschaft: Wilfried Püls

Quellen & Literatur:

Staatsarchiv Freiburg, D 180/2 180281; F 196/1, 882; F 166/3, 5467.
Archiv Gedenkstätte KZ Dachau.
Generallandesarchiv Karlsruhe, 521 Nr. 8567.

Literatur:
Julius Schätzle, Wir klagen an. Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und Sterben in deutschen Konzentrationslagern, Kulturaufbau-Verlag, Stuttgart 1946, S. 17.
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