Charlotte
LETZELTER

1906 - 1940 I
Blarerstraße 33
Stolperstein verlegt am 17.11.2022
Charlotte LETZELTER Blarerstraße 33

Ein tragisches Leben: Zwangssterilisation und Vergasung in Grafeneck

Charlotte Letzelter wurde am 7. Dezember 1906 in Bolchen in Lothringen geboren. Das kleine Dorf, in der Nähe der Stadt Metz, gehörte seit 1871 zum Deutschen Reich, und wurde nach Ende des 1. Weltkriegs und Inkrafttreten des Versailler Friedensvertrags im Januar 1920 wieder französisch.

Ihre Eltern waren Leonie, geb. Schatz, und Karl Letzelter. Die Tochter wurde katholisch getauft. Das Mädchen war eine gute Schülerin. Als im Jahre 1914 der 1. Weltkrieg begann, war sie gerade acht Jahre alt und erlebte den Krieg in unmittelbarer Frontnähe.

Gleich nach Kriegsende zog die Familie nach Radolfzell. Charlotte besuchte bis 1920 die dortige Realschule. Danach lernte sie Maschinenschreiben und Stenographie und arbeitete 1926 für ein Jahr als Stenotypistin in Villingen. 1927 trat sie eine Stelle in Radolfzell bei der Pumpenfabrik Allweiler an. Dort arbeitete sie bis 1932 als Kontoristin. Danach wurde sie entlassen, da es der Fabrik schlecht ging, aber ein Jahr später 1933 wurde sie wieder eingestellt. In dieser Zeit fühlte sich die mittlerweile 27-jährige Frau oft überfordert und war für drei Wochen in einem Sanatorium im Schwarzwald in Bad Liebenzell. Sie kehrte dann nicht mehr an die Arbeitsstelle zurück, sondern blieb noch einige Zeit bei ihrer älteren Schwester Lillie-Leonie in Villingen.

Am 1. Juli 1934 zog sie dann mit ihren Eltern nach Konstanz in die Blarerstr. 33. Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung. Charlotte, die seit dem Umzug auf Arbeitssuche war, klagte immer häufiger über Schlaflosigkeit und Angstzustände. Sie war bei mehreren Ärzten zur Abklärung der Symptome. Der behandelnde Arzt überwies sie am 14. August 1934 auf Antrag des Vaters zur stationären Aufnahme in die Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz. Die junge Frau war völlig unglücklich darüber und wollte nach Hause. „Machen Sie mich wieder gesund“, war ihre an den aufnehmenden Arzt gerichtete Bitte.

Am 1. Januar 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und damit 8 Monate vor Charlotte Letzelters Einweisung in die Psychiatrie, trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Darauf basierend stellte der Anstaltsleiter, Dr. Kuhn, am 27. September 1934 den Antrag auf Unfruchtbarmachung. Als Begründung nannte der Arzt die sog. Erbkrankheit Schizophrenie.

Das Erbgesundheitsgericht, unter Vorsitz von Dr. Rechberg, zog darauf Erkundigungen über die Patientin ein. Bereits am 8. Oktober äußerte sich Karl Letztelter in einem ausführlichen Brief zu seiner Tochter. Er war bereit ihre Pflegschaft zu übernehmen, versuchte jedoch die Unfruchtbarmachung zu verhindern. „Es ist ja schwer gegen das Gesetz und die Ansicht der Herren Ärzte aufzukommen, aber auch bei ihnen äußern sich irrige Annahmen zahlreich. Sicher ist, dass die Unfruchtbarmachung auf das sonst so sittlich gute Mädchen ungünstig wirken, und eine Geistesstörung, wenn noch nicht vorhanden, fördern dürfte.

Am 13. Oktober 1934 schreibt der Leiter des Sanatoriums „Kurpark“ in Bad Liebenzell an das Erbgesundheitsgericht: „Bei der Kürze der Beobachtungszeit war die Diagnose auf Schizophrenie nicht mit Sicherheit zu stellen, da die guten Tage wieder die Hoffnung auf Heilbarkeit des Zustandes nahe legten.“ Er informiert auch den Vater und schlägt vor, dass entweder die Mutter für einige Zeit nach Liebenzell kommen oder man Charlotte holen solle, um sie in einem anderen Heim unterzubringen, wo eine ständige Beaufsichtigung besser durchgeführt werden könne als in der offenen Kuranstalt.“

Viel deutlicher allerdings wird Dr. Mader aus Radolfzell. Er schreibt am 16. Oktober 1934: „Es ist zweifellos, dass eine Psychose vorliegt, Schizophrenie scheint mir wahrscheinlich zu sein.

Nun erfolgte 3 Wochen später, am 27. September 1934 der Beschluss zu Unfruchtbarmachung wegen Schizophrenie, unter­zeichnet vom Amtsarzt Dr. Rechberg. Der Eingriff erfolgte am 6. Februar 1935 gegen den Willen der Betroffenen, doch auf „Drängen des Vaters“, so der Eintrag in der Krankenakte. Warum der Vater jetzt der Sterilisation zustimmte, die er früher ablehnte, bleibt im Dunklen. Im ärztlichen Bericht steht unter Bemerkung: „Die Operierte wurde sofort nach der Operation nach der Heilanstalt Reichenau zurück verbracht“.

Drei Wochen später holte sie der Vater, trotz Abraten der Ärzte, wieder nach Hause in die Blarerstraße. Nach neun Monaten, im November des Jahres 1935, brachte er sie wieder in die Anstalt bei Konstanz, da er sich nicht mehr zu helfen wusste. Charlotte verweigerte sogar die Nah­rungsaufnahme, sodass sie kurzzeitig künstlich ernährt wurde.

Nach weiteren zwei Monaten in der Psychiatrie, wieder fünf Monate bei den Eltern, dann erneut dreieinhalb Monate in der Anstalt und weitere neun Monate daheim. Der seelische und körperliche Zustand der jungen Frau verschlechterte sich von Mal zu Mal.
Am 10. Juni 1937 erfolgte ihre vierte und letzte Aufnahme in der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz. Bis zu ihrer Deportation, fast genau drei Jahre danach, sollte sie die Anstalt nicht mehr verlassen.

Ganz sicher hatten die vergangenen Jahre, der ständige Wechsel zwischen depressiven aber auch hoffnungsvollen Phasen, und letztlich der brutale Eingriff der Zwangs­sterilisation eine Heilung ihrer Symptome endgültig unmöglich gemacht.

So geriet die 34-jährige Frau in den Verlauf der Aktion T4. Der letzte Eintrag in ihrer Krankenakte lautete: „17.6.1940: Schizophrener Endzustand. Dement, oft gereizt, aggressiv. Dann wieder tagelang völlig versunken, döst vor sich hin. Heute per Sammeltransport nach Zwiefalten verlegt.
Nach Zwiefalten verlegt wurde sie jedoch nicht. Am 17. Juni 1940 kamen die Grauen Busse bereits zum 2. Mal in die Anstalt. Charlotte Letzelter wurde zusammen mit weiteren 90 Patientinnen der Buchstaben A – L in die Mordanstalt Grafeneck gebracht und am selben Tag vergast und eingeäschert.

Charlottes Mutter kam ca. 14 Tage später in die Anstalt und zeigte dem Arzt Dr. Glasser die Todesnachricht von Grafeneck. Da die Patientin die Anstalt körperlich gesund verlassen hatte, war der Arzt erstaunt und unterrichtete den Anstaltsleiter Kuhn. Noch während des Gesprächs kam die Mutter einer zweiten Patientin mit einem gleichlautenden Schreiben. In der Folgezeit häuften sich die Nachrichten über weitere Todesfälle. Von nun an war sowohl den Pflegern und Ärzten und immer mehr Menschen in Konstanz und Umgebung klar, dass die Patienten in Grafeneck getötet wurden.

Recherche: Roland Didra
Patenschaft: Dorothea Geissler

Quellen & Literatur:

Stadtarchiv Konstanz Einwohnermeldekarte.
Staatsarchiv Freiburg Einzelfallakten Gesundheitsamt Konstanz B 898/1 Nr. 835.
Staatsarchiv Freiburg, Sterilisationsverfahren Einzelfälle B 132/1 Nr. 780.
Bundesarchiv Berlin, Bestand R179, Archivnummer 7632.
Heinz Faulstich, Von der Irrenfürsorge zur „Euthanasie“, Seite 233.
Archiv Faulstich, Transportliste vom 17.6.1940.
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