Friedrich
LEIB

1889 - 1940 I
Zumsteinstraße 2
Stolperstein verlegt am 22.05.2009
Friedrich LEIB Zumsteinstraße 2

Friedrich Leibs Weg von der Kunst zum Verbrechen der NS-“Euthanasie”

Friedrich Leib wurde am 25. Januar 1889 in Konstanz geboren und jüdisch getauft. Er war das vierte von sechs Kindern der Ida Leib (geb. Bloch aus Zürich, 1850–1908) und des Kaufmanns Jakob Leib (1853–1937), der im Zentrum von Konstanz ein Geschäft für Herrenmode, speziell für maßgeschneiderte Herrenhemden, gründete.

1912/1913 ließ sein Vater Jakob vom Architekturbüro Ganter und Picard das Haus an der Marktstätte 19 errichten. Auch dort führte er ein Geschäft für Herrenartikel, das sich später zur „Hemdenfabrik Leib“ entwickelte.

Friedrich Leib war Anhänger der Anthroposophie. 1913 wurde er, zusammen mit seiner Schwägerin Hedwig Leib, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, die damals ihren Sitz in Berlin hatte. Ein Jahr später, im Mai 1914, gehörte er zusammen mit Hedwig auch zu den Gründungsmitgliedern der anthroposophischen Gruppe „Parcival“ in Kreuzlingen, in der er die Funktion des Schriftführers übernahm.

Nach seinem Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg kehrte Friedrich Leib mit schwerwiegenden psychischen Beschwerden nach Konstanz zurück. Er wohnte zunächst wieder bei seinem Vater, interessierte sich aber nicht für den Kaufmannsberuf. Stattdessen wurde er zusammen mit Konstanzer Künstlern (unter anderem dem Maler Hans Breinlinger, dessen Werke das NS-Regime später der „entarteten Kunst“ zurechnete) Teilhaber am sogenannten Künstlerhäusle, einem Rokoko-Gartenhäuschen an der Unteren Laube 5a. Dieses „Künstlerhäusle“, auch “Breidablik” genannt, wurde am 12. Juli 1919 eröffnet.

In diesen Jahren entschied sich Friedrich auch, Opernsänger zu werden. Obwohl er weder vom Vater noch von seinem Bruder Ivan finanziell unterstützt wurde, gelang es ihm, sein Studium zu beenden, und er erhielt eine Anstellung am Theater in Aschaffenburg. Aufgrund seiner psychischen Erkrankung musste er aber nach Konstanz zurückkehren, wo er sich immer wieder in psychiatrische Behandlung begab.

Am 26. November 1926 wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz eingewiesen, wo er schließlich am 24. Juli 1940 im Alter von 51 Jahren zusammen mit 74 weiteren Patienten in die Mordanstalt Grafeneck deportiert und dort am selben Tag vergast und eingeäschert wurde.

Im Staatsarchiv Freiburg findet sich ein Brief vom 30. September 1940 (zu diesem Zeitpunkt war Friedrich Leib bereits zwei Monate tot). Aus diesem Brief geht hervor, dass sich “Herr Israel Spiegel”, Konstanz, Bahnhofstr. 12, in seiner Funktion als gerichtlich bestellter Pfleger, nach dem Befinden von Herrn Leib erkundigte. Israel Spiegel war aller Wahrscheinlichkeit nach der jüdische Anwalt Leopold Spiegel. In einem Antwortschreiben wird er lapidar an das Ministerium des Innern in Karlsruhe verwiesen. Dieser Brief erreichte Leopold Spiegel nicht mehr: Am 22. Oktober 1940 wurde er, zusammen mit 108 weiteren Konstanzer Juden, in das Lager Gurs in Südfrankreich deportiert, zwei Jahre später in Auschwitz ermordet.

Recherche: Roland Didra
Patenschaft: Heidi Kohlhaas

Quellen & Literatur:

Bundesarchiv (BArch): Bestand R 179, Nr. 29601;
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg B 822/3 Nr. 501;
Opferliste Grafeneck;
Stadtarchiv Konstanz: Einwohnermeldekarten vor 1945
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Familienmitglieder

Ivan
LEIB

1878 - 1958 I
Marktstätte 19

Hedwig
LEIB, geb. BLOCH

1883 - 1965 I
Marktstätte 19