Nach über 26-jährigem Aufenthalt in der Konstanzer Anstalt 1940 in Grafeneck vergast
Johann Wieland wurde am 26. Mai 1864 in Weiler auf der Höri geboren und katholisch getauft. Im Alter von 22 Jahren zog der junge Mann im Jahre 1886 nach Konstanz und arbeitete als Tagelöhner. Fast 23 Jahre wohnte er in der Kreuzlingerstr. 20. Er wurde als „ruhiger und ernster Mensch, der meist für sich war“ beschrieben.
Auf Grund von Sinnestäuschungen und Verfolgungsideen wurde er jedoch am 23. Juli 1909 im Alter von 45 Jahren in der Heil- u.Pflegeanstalt Illenau in Achern, einer Kleinstadt nördlich von Offenburg, aufgenommen. Es wurde eine „paranoide Demenz“ diagnostiziert.
Am 3. September 1913 wurde er in die Heil- u. Pflegeanstalt Emmendingen überstellt. Dort verblieb er allerdings nur 10 Wochen.
Am 20. November 1913 wurde er in der Heil- u.Pflegeanstalt bei Konstanz aufgenommen, die knappe 5 Wochen zuvor, am 11. Oktober, eröffnet worden war. Für die damalige Zeit war das etwas vollkommen Neues: Eine Reformpsychiatrie ohne Gummizellen, Zwangsmittel etc. wie in den bisherigen sogenannten Irrenanstalten. Es gab einzelne Gebäude ohne vergitterte Fenster und verschlossener Türen, verstreut auf einem großen Gelände. Ein therapeutischer Ansatz, der in den Jahren der Weimarer Republik verbreitet war. Der mittlerweile 49- jährige Johann Wieland verblieb dort ohne Unterbrechung bis zum 7. Mai 1940, also fast 26 und ein halbes Jahr. Damit gehörte er zu den ersten Patienten und er war höchstwahrscheinlich der Patient, der am längsten dauerhaft in der Anstalt lebte.
Der Ansatz der Reformpsychiatrie war, Langzeitpatienten mit Tätigkeiten zu beschäftigen, die ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten entsprachen.
Wie man Johann Wielands Krankenakte entnehmen kann, führte er dort in der Tat ein recht eigenständiges Leben, dokumentiert in Einträgen wie z.B. im Juli 1921: „Macht sonntags regelmäßig seine Ausflüge“ oder im Oktober 1928: „Liest mit Interesse Zeitungen“.
Darüber hinaus wird über die Jahre immer wieder erwähnt, dass er täglich mit Ehrgeiz seine Arbeiten erledigt hat. Zitat aus seiner Krankenakte: „Erstaunlich was er als Einzelarbeiter dahinten in den letzten Jahren geleistet hat“. Damit gemeint ist, dass er im Laufe der Jahre ein zum Anstaltsgebiet gehörendes Torfried alleine urbar gemacht hat. Er kultivierte die Naturlandschaft, damit sie landwirtschaftlich genutzt werden konnte.
Die Aufenthaltsbedingungen der Patienten und Patientinnen änderten sich 1933 nach der Machtübergabe an die Nazis. Der Reformpsychiater und Anstaltsleiter Thumm wurde durch den nazitreuen Dr. Arthur Kuhn ersetzt. Als Befürworter der Zwangssterilisationen zeigte er beim Erbgesundheitsgericht massenweise, sogar ehemalige, Insassen der Anstalt wegen Vorliegen einer Erbkrankheit an.
Zum Ende des Jahres 1939 erreichten auch die Anstalt bei Konstanz, wie alle Anstalten im Nazi-Deutschland, die sogenannten Meldebögen, in denen Angaben zu den Patienten gemacht werden mussten. Ein gutes halbes Jahr später, am 7. Mai 1940, fuhren zum ersten Mal die sogenannten „Grauen Busse“ auf das Anstaltsgelände. In diesem 1.Transport wurden 52 Männer abgeholt: Sicherungsverwahrte und Langzeitkranke, darunter gab es eine hohe Zahl von Arbeitsfähigen. Dazu gehörte Johann Wieland.
Die Männer dieses ersten Transports stiegen wahrscheinlich unbekümmert in die Busse, waren der Ansicht, in eine andere Anstalt zu kommen oder gar entlassen zu werden. Genau das war der Plan der Nazi-Beamten, die in der Zentrale der Mordaktion, in einer alten Villa in Berlin in der Tiergartenstr.4, anhand der rückgesandten Meldebogen die Deportationslisten erstellten. So führte dieser 1. Transport zunächst in die „Zwischenanstalt“ Zwiefalten. Die Patienten wurden jedoch nicht regulär aufgenommen, sondern lediglich auf Listen geführt und auf überfüllte Abteilungen gebracht. Nachforschungen von Angehörigen wurden dadurch erschwert. Auch gab es eine Besuchssperre. Für die Männer jedoch bedeutete die Verlegung lediglich den Aufschub ihrer geplanten Ermordung um knappe 5 Wochen.
Am 12. Juni 1940 wurde der mittlerweile 76-jährige Johann Wieland zusammen mit den weiteren 51 Männern in die von Zwiefalten nur ca. 25 km entfernte Mordanstalt Grafeneck gebracht.
Dort wurden sie noch am selben Tag vergast und ihre Leichname verbrannt.
Aus einem Schreiben, fast auf den Tag genau einen Monat später am 11.Juli 1940, geht hervor, dass sich das Fürsorgeamt Konstanz bez. der Kostenübernahme in Zwiefalten nach dem Verbleib von Johann Wieland erkundigt hat. Die lapidare Antwort lautete: Der Patient befindet sich nicht hier.