Anna
GEISER, geb. KESSLER

1890 - 1940 I
Schneckenburgstraße 27
Stolperstein verlegt am 03.05.2017
Anna GEISER, geb. KESSLER Schneckenburgstraße 27

Die tragische Geschichte von Anna Geiser

Anna Geiser, geb. Kessler, wurde am 7. Oktober 1890 in Konstanz/Allmannsdorf geboren und katholisch getauft. Einen Beruf erlernte sie nicht.

Im Jahr 1915 heiratete sie den verwitweten Ziegelei­facharbeiter Anton Geiser, dessen Frau bei der Geburt des fünften Kindes, ihres Sohns Johann, am 26. August 1913 starb. Der Säugling überlebte seine Mutter nur knappe drei Wochen.

Anna Geiser zog zu ihrem Mann und Kindern aus erster Ehe in die Schneckenburgstr. 27. Weitere drei Kinder kamen in den Jahren 1918, 1920 und 1926 zur Welt.

Bereits im Jahr 1920 war die 30-jährige Frau für vier Wochen Patientin der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz.

Im Jahr 1929 folgte ein halbjähriger Aufenthalt, und im Jahr 1930 wurde sie drei Monate stationär behandelt.

Ab dem 23. Mai 1933 verblieb sie bis zu ihrer Ermordung am 14. August 1940 in der Anstalt. Die Diagnose lautete „manisch-depressives Irresein, resp. Schizophrenie“. Sie arbeitete u.a. in der Anstaltsküche und erhielt regelmässig Besuch ihres Mannes und der Kinder.

Am 1. Januar 1934, knapp ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Darauf basierend wurde am 27. Oktober 1934 Herr Geiser vom Erbgesund­heits­gericht Konstanz darüber informiert, dass die Unfrucht­barmachung seiner Frau Anna beantragt wurde.

Beisitzer dieses Gerichts war der Konstanzer Bezirksarzt (und spätere Leiter des Gesund­heitsamtes) Dr. Ferdinand Rechberg. Der Antrag wurde jahrelang wiederholt, da die Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz dies aus gesundheitlichen Gründen immer wieder ablehnte.

In einem Schreiben vom 24. Dezember 1938 (Heiligabend !) wurde der Vollzug ausgesetzt und die Entscheidung darüber der Anstalt überlassen. Die Sterilisation wurde nie vollzogen.

Im Jahr 1940 wurden 508 Patienten der Heil-und Pflegeanstalt bei Konstanz im Verlauf der “Aktion-T4” in der Gaskammer der Mordanstalt Grafeneck ermordet. Darunter befand sich auch die mittlerweile 49-jährige Anna Geiser. Sie wurde am 14. August 1940 zusammen mit weiteren 65 Patienten (Männern und Frauen) von der Reichenau abgeholt und am selben Tag in Grafeneck vergast und eingeäschert.

Das Ziel der nationalsozialistischen Ideologie war damit erreicht: Die Vernichtung von „unwertem Leben“. Nun folgte die Phase des Verschleierns und Ver­tuschens.

Knappe 10 Tage nach der Ermordung erhielt ihr Ehemann Anton ein Schreiben von der „Landespflege­anstalt Grafeneck“ mit dem Betreff „Verlegung von Kranken“. Darin hiess es, dass seine Ehefrau vorüber­gehend eingewiesen worden sei, aber in den nächsten Tagen weiterverlegt würde: “Aus diesem Grund wird gebeten von Besuchen, weiteren Anfra­gen, sowie der Sendung von Paketen Abstand zu nehmen. Sobald unser Pflegling in der neuen Anstalt angekommen ist, werden Sie von dort unterrichtet.”

Zwei Wochen danach erhielt Herr Geiser erneut Post. Diesmal von der Landesanstalt Hartheim in Österreich. In dem Brief wurde mitgeteilt, dass Anna Geiser am 8. September 1940 unerwartet an einer Gallenblasen- und Bauchfellentzündung verstorben sei.

Ihr Ehemann, Anton Geiser, forderte die Urne an und liess sie auf dem Konstanzer Friedhof im Grab ihres Vaters Ludwig Kessler bestatten.

Mit Sicherheit befanden sich in der Urne jedoch nicht die sterblichen Überreste seiner Frau, sondern Asche­reste der Menschen, die zusammen mit Anna Geiser in der Gaskammer grausam starben.

Auch Todestag, Todesursache und Todesort waren frei erfunden, Teil eines perfiden Systems, welches Nachforschungen von Angehörigen erschweren, bzw. unmöglich machen sollte. Zur Verschleierung trugen auch die Kriegswirren bei.

 

Annas zweitgeborener Sohn starb am 17. Oktober 1944.

Noch Jahre nach der Ermordung beschäftigten sich die Behörden mit der Akte Geiser und der Frage, ob die 1934 angeordnete Unfruchtbarmachung noch durch­geführt werden könne.
Am 6. September 1940, also 3 Wochen nach der Ermordung, stellte das Gesundheitsamt Konstanz fest, dass lt. Auskunft der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, Frau Geiser in eine andere Anstalt verlegt worden sei und weiter: „Die Voraussetzungen zur Aussetzung des operativen Eingriffs waren bei Frau G. zur Zeit der Verlegung immer noch gegeben“.

Mit Schreiben vom 11. März 1941 wiederholte die Anstalt Reichenau diesen angeblichen Tatbestand.
Deshalb fragte das Erbgesundheitsgericht Konstanz am 5. Januar 1942 in der Anstalt Emmendingen nach und erkundigte sich, ob die Unfruchtbarmachung jetzt noch möglich sei. Emmendingen antwortete am 2. Februar 1942 lapidar: „Die Patientin wurde am 14. August 1940 in eine unbekannte Reichsanstalt verlegt. Es dürfte sich damit Ihre Anfrage erledigen.“

 

Darauf stellte Amtsarzt Dr. Rechberg am 14. Februar 1942 fest: „Da die Obengenannte nach Mitteilung der Heil-und Pflegeanstalt Emmendingen in eine unbekannte Reichsanstalt verlegt wurde, dürfte das Verfahren als erledigt betrachtet werden“.

Damit wurde die Akte Geiser geschlossen und beendet. Nicht beendet war die Karriere von Dr. Rechberg.

Zwar wurde er nach Kriegsende verhaftet und inhaf­tiert, dennoch wurde er 1953 zum Leiter der ehe­maligen Heil-und Pflegeanstalt Reichenau, die jetzt PLK Reichenau hiess, ernannt. In dieser Funktion wurde er als Gutachter bei Wiedergutmachungsfragen tätig und untersuchte die gleichen Opfer, die er als Nazi-Arzt sterilisieren liess. Entschädigungen lehnte er ab.

 

Einen Fürsprecher für die Leitungsstelle des PLK fand er im amtierenden Oberbürgermeister Knapp, nach dem noch im Jahr 2022 eine Passage in Konstanz benannt ist. Nur ein Beispiel, wie Naziseil­schaften im Adenauer-Deutschland agierten.

 

Während man sich an Menschen wie Knapp und Rechberg nur mit Abscheu und Verachtung erinnern kann, holt dieser Stolperstein Anna Geiser aus der Vergessenheit und erinnert in Zukunft an ihr Schicksal.

Recherche: Roland Didra
Patenschaft: Manfred Frey

Quellen & Literatur:

Staatsarchiv Freiburg B 898/1 723.
Stadtarchiv Konstanz Einwohnermeldekarte.
Privatarchiv Didra / Frey.
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